Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Haru Specks im Interview – „Wir Menschen müssen raus aus dem virtuellen Raum“

Foto: Anne Domdey

Seit vier Jahren hält Haru Specks nun schon seine „Vinylpredigten“. 55 davon sind mittlerweile über diverse Bühnen in und außerhalb von Düsseldorf gegangen. Die Themen reichen von „Das Tier in mir“ über „Realität, die alte Sau“ bis hinzu „Lang lebe der Tod“. Pro Abend werden rund ein Dutzend von Specks ausgewählte Platten zum jeweiligen Thema gespielt. Dazwischen wird gesprochen. Mit einer Predigt, das ist Specks wichtig, hat das Ganze nichts gemein. Es handele sich eher um ein Live-Essay. In der Oberbilker Christuskirche hat die „Vinylpredigt“ mittlerweile einen festen monatlichen Termin. Am 19. April ist es mal wieder so weit. Das Thema an dem Abend lautet „Die Liebe und der Abgrund“.

 

Das Thema Liebe scheint dich derzeit ziemlich umzutreiben. Vor einigen Wochen hast du vor den Düsseldorf Arcaden aus Alain Badious „Lob der Liebe“ vorgelesen. Am 19. April sprichst du nun in der Christuskirche darüber, wie die Liebe den Abgrund überwinden kann. Dabei nimmst du Bezug auf Erich Fromms Text „Die Kunst des Liebens“. Kannst du jenen, die den nicht kennen, kurz erläutern, worum es darin genau geht?
Ganz pragmatisch in einem Satz: Wenn der Mensch nicht die Fähigkeit des Liebens entwickelt, ist er einsam und verloren in einem feindlichen Universum.

Was bedeutet dir das Buch?
Es ist eine alte Hassliebe für mich. Seit meiner Jugend stolperte ich ständig über das Buch, jeder schien es im Regal stehen zu haben. Vor ein paar Jahren konfrontierte ich mich dann endlich mit dem alten Hippie-Werk, um festzustellen, dass es ein ganz gutes Buch ist. Zwischenzeitlich würde ich jedoch eher Alain Badious „Lob der Liebe“ empfehlen. Es ist klarer, politischer und entspricht eher unserer Zeit.

Du erläuterst den Fromm-Text anhand deines eigenen Lebens. Das klingt zunächst mal sehr persönlich. Wie viel wirst du von dir preisgeben?
Bei der Vorbereitung des Themas vor Jahren sah ich mich mit dem Problem konfrontiert, dass ich es vermessen finde, Allgemeingültiges über die Liebe rauszulassen. In meiner Not entwickelte sich das Konzept dann zum „Wie ich die Liebe im Laufe meines Lebens wahrnahm“. Naja, wer weiß besser über meine Beziehung zur Liebe Bescheid als ich selbst? Mir wurde dabei bewusst, wie wenig Männer über ihre persönliche Beziehung zur Liebe sprechen, was wiederum Frauen stark interessiert. Das ist eine akzeptable Nebenerscheinung für mich.

Vielen Menschen fällt es ja leichter, im virtuellen Raum sehr Privates auszubreiten. Du hingegen hast dich für den realen Raum entschieden. Warum?
Weil ich den besser kontrollieren kann, haha! Die Anonymität des Internets ermutigt die Menschen, sich zu öffnen. Das ist ein altes Ding. Schon die katholische Kirche hängte einen Vorhang zwischen den Beichtenden und den Pfarrer. Aber unter dem Strich erscheint mir das unreif, man macht sich etwas vor. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Diese Predigt ist kein Bekentnnisprogramm, in dem ich mich mich völlig nackig mache. Ich präsentiere Lieder über die Liebe und erzähle, wie sie bestimmte Stadien meines eigenes Lebens spiegeln.

Vor Menschen zu sprechen ist das eine. Vor Menschen über sich selber und derart persönliche Angelegenheiten zu sprechen das andere. Musst du dich überwinden?
Wenn ich mit mir selbst im Unklaren bin, muss ich mich extrem überwinden. Insofern werde ich alles tun, um klar zu sein.

Warum agierst du bei all dem eigentlich unter einem Pseudonym?
Weil „DJ Diethelm Kröhl“ scheiße klingt. Zudem half es mir, eine Kunstperson zu generieren, die ich auf der Bühne dann auszufüllen glaubte. Zwischenzeitlich ist mir klar, dass das ein ähnlicher Irrglaube ist wie die Anonymität des Internets. Aber da mich zwischenzeitlich viele Leute direkt mit Haru ansprechen, bleibe ich dabei. Aber kleine Gegenfrage: Warum wird ein Pseudonym eigentlich von vielen Schreibenden nicht akzeptiert? Ich mag es nicht, wenn Pseudonym und Echtname gemeinsam erscheinen. Das hat so etwas von „Wir haben den Schwindler enthüllt“.

Fromm unterscheidet in seinem Buch fünf Arten der Liebe: Nächstenliebe, Mutterliebe, erotische Liebe, Liebe zu Gott und Selbstliebe. Wie ist es um letztere bei dir bestellt?
Ich war noch nie näher dran. Tatsächlich scheint es mir die schwierigste Form der Liebe zu sein, sich in seiner Gesamtheit zu akzeptieren. Seit rund einem halben Jahr mache ich hier aber gute Fortschritte. Es ist spannend und befreiend, aber ich trete ständig in alte Denk- und Gefühlsmuster. Zum Glück ist da jemand in meinem Leben, die mir auf Augenhöhe entgegen tritt und mich dabei sehr inspiriert.

Und welche Rolle spielt, wo das Ganze schon in einer Kirche stattfindet, die Liebe zu Gott?
Da bin ich kompliziert. Ich bin nicht nur Agnostiker, ich lehne den Gedanken eines Schöpfergottes bewusst ab. Es erscheint mir sportlicher ohne den Glauben an einen Gott zu versuchen, ein guter Mensch zu sein oder zu werden. Mit dem Begriff der Göttlichkeit kann ich eher etwas anfangen als mit Gott an sich. Schlussendlich glaube ich an das Gesetz über und in mir.

Sind die Vinylpredigten eigentlich auch dafür gedacht, miteinander ins Gespräch zu kommen?
Es ist keine Selbsthilfegruppe, im Zentrum steht für mich die Musik. Zwischenrufe oder -fragen sind kein Problem, aber ich will versuchen, im Rahmen von anderthalb bis zwei Stunden die Predigt zu halten. Nach dem offiziellen Teil jedoch ist alles möglich. In der Vergangenheit gab es auch schon mal emotionale Erschütterungen von einzelnen Zuhörern. Beim Thema Tod zum Beispiel. Da war ich froh, dass Lars Schütt als professioneller Seelsorger zugegen war. Vielleicht ist er es ja dieses Mal auch.

Was steht bei dir in naher Zukunft an?
Momentan halte ich zwei bis drei neue Predigten im Monat. Letzte Woche war das 55. Thema dran. Das Projekt „Vinylpredigt“ ist also ständig am Laufen. Zudem habe ich Bock auf Aktionen, die nicht dokumentiert werden, um für sich selbst zu stehen. Das Vorlesen von Büchern im öffentlichen Raum zum Beispiel. Es erfordert keine große Vorbereitung und ist – im Gegensatz zu den Predigten – wirklich eine enorme Herausforderung. Ich fühle mich dabei extrem angreifbar und verletzlich, da ist kaum Kontrolle. Andererseits scheint mir dieses Training immer wichtiger zu werden. Wir einfachen Menschen müssen raus aus diesem virtuellen Raum und zurück ins öffentliche Leben und uns austauschen. Auf der Straße findet das Leben statt. Hier ist Austausch und hier kann ich Liebe üben.

19.4., 20 Uhr, Vinylpredigt: Die Liebe und der Abgrund, Christuskirche, Düsseldorf

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