Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Die großen Themen des Lebens #2: Tod (1/2)

Foto: Alexandra Wehrmann

Es scheint ein denkbar ungeeigneter Moment, um über den Tod zu sprechen. Weil die japanischen Kirschen blühen. Und die Sonne gerade an Kraft gewinnt. Auch im Caffè Enuma an der Bilker Brunnenstraße ist alles quicklebendig. Ein früher Sonntagabend. Mario Comune hat länger aufgelassen. Eigentlich schließt er schon um 18 Uhr. Eine knappe Stunde später wird im hinteren Teil des Cafés immer noch engagiert gekickert. Laute Rockmusik untermalt das Klackern des hölzernen Balls. Zehn Minuten später: Das Spiel ist vorbei. „Feierabend“ ruft der Chef. Die Gäste packen ihre Sachen und zahlen. Mario macht Ordnung und die Abrechnung. Dann lässt er sich in einen Sessel fallen. Laune ist eher so mittel. Das Gespräch kann beginnen.

 

Mario, hast du eine Vorstellung davon, wie deine eigene Beerdigung aussehen soll?
Ja klar, das steht alles fest. Ich lasse mich in Italien begraben. In Sizilien, Messina, der Stadt, aus der meine Eltern stammen. Da, wo ich herkomme, gehe ich auch hin zurück. Meinem Sohn Alessandro habe ich das auch gesagt. Falls es hier morgen passiert: Urne nach Sizilien bringen. Am besten in Holland verbrennen lassen. Dann kann man die Urne einfach mitnehmen. (Typisch Mario. Pragmatisch. Auch bei dem Thema.)

Das heißt, sie muss nicht überführt werden, sondern ein Freund oder Verwandter könnte mit der Urne in den Flieger steigen?
Ja, kannste machen.

Du hast also ein Testament gemacht?
Ja, da steht alles drin. Meine Asche soll in das Grab meiner Mutter kommen. Mein Vater liegt zwar auf dem gleichen Friedhof, aber die beiden liegen nicht nebeneinander. Aus Platzmangel. Das ist in Italien ein großes Problem. Manchmal müssen die Toten wochenlang in der Leichenhalle gelagert werden, bevor sie überhaupt beigesetzt werden können. Schwieriges Thema. Müssen wir jetzt aber nicht weiter drüber reden. (Kein Vorschlag. Ein Befehl. Besser sich jetzt daran zu halten, sonst könnte das Gespräch schneller beendet sein, als es begonnen hat.)

Du bist vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Warum?
Ich bin ausgetreten, weil ich nicht einsehe, dass ich arbeite und die Kirche von meiner Arbeit profitiert. Die haben genug Geld.

Ein Pfarrer wird also auf deiner Beerdigung nicht sprechen.
Scheiß auf den Pfarrer! (Keine Nachfragen. Besser nicht. Nächste Frage.)

Und wie stellst du dir die Zeremonie vor? Möchtest du zum Beispiel, dass ein bestimmtes Lied gespielt wird in dem Rahmen?
Habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. (Mario überlegt kurz.) Von mir aus sollen sie Pink Floyd spielen. „Welcome To The Machine“. Geil. (lacht)

Hat das inhaltlich irgendwas mit dem Thema Tod zu tun?
Nein, das ist einfach einer meiner Lieblingssongs. „Wish You Were Here“ wäre auch gut. Aber keine Zeremonie und keine Musik wäre für mich auch okay. Da lege ich gar keinen Wert drauf. Null. Ist dann ja sowieso vorbei.

Gibt es Leute, von denen du dir wünschen würdest, dass sie dabei wären?
Nee, könnte ich nicht sagen. Von der Familie auf jeden Fall keiner. Da würde ich wahrscheinlich vor Ärger wieder auferstehen, wenn ich die sehen würde. Die sollen mich in Ruhe lassen. Meine Freunde aus Italien werden natürlich hinter der Urne herlaufen. Aber wichtig ist doch nicht, wer hinter dir herläuft.

Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Schwere Frage. (Schweigen. Mario ist abgelenkt. Sein Interesse gilt einer holden Weiblichkeit, die auf der anderen Straßenseite vorbeigeht. „Che Bella, Mamma Mia“ flüstert Mario. Und „Schön hat die gewunken, ne?“)

Wie oft gehst du zum Friedhof, wenn du in Italien bist?
Wenn ich in Messina bin, gehe ich immer zum Friedhof. Jeden Tag. Ich gehe zu meiner Mutter, zu meinem Vater, zu meinen Tanten und Onkels, zu meinen Großeltern. Die liegen alle auf dem gleichen Friedhof. Für das Grab meiner Mutter habe ich Seidenblumen organisiert, damit permanent Blumen da sind. Und eine elektrische Grableuchte, damit sie immer Licht hat.

Ist der Friedhof für dich ein geeigneter Ort, um sich an Menschen zu erinnern?
Weiß ich nicht. Ich bin da relativ emotionslos. (Emotionslos? Er? Unvorstellbar! Incredibile!)

Und sprichst du mit den Verstorbenen? Machen ja auch manche.
Nee, ich spreche nicht mit meiner Mama. Mit keinem rede ich.

Wann ist deine Mutter gestorben?
Im September 2000. Mein Vater im Februar 2007. Mama ist zuerst gestorben. Obwohl sie 20 Jahre jünger war als mein Vater.

Wie alt war sie?
64.

War sie krank?
Sie ist aus Kummer gestorben. Kummer wegen meines Vaters. Kummer wegen meines Bruders. Is halt so. (An dieser Stelle wäre es eigentlich journalistische Pflicht nachzuhaken. Kummer weswegen? Ich lasse es mal offen.)

Wann hast du deine Mutter das letzte Mal lebend gesehen?
Das war Ostern 2000, ungefähr ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Meine Eltern lebten damals schon wieder in Messina. Meine Mutter war herzkrank. Man hatte ihr einen Stent gesetzt. Ich bin nach Italien geflogen, um sie im Krankenhaus zu besuchen. Die OP war gut verlaufen. Kurz darauf wurde meine Mutter entlassen. Ihr Gesundheitszustand hat sich in der Folge dann allerdings rapide verschlechtert. Sie hat die Krankheit total unterschätzt, auch Medikamente nicht genommen, die sie hätte nehmen müssen. Als Folge hatte sie sehr viel Wasser im Körper, sie wurde immer dicker. Sieben Monate später war sie tot.

Warst du dabei, als sie gestorben ist?
Nein, in dem Moment selber war ich nicht da. Kurz bevor sie starb, hat mich der Arzt angerufen, der meine Mutter auch operiert hatte. ‚Wie ernst ist es‘ habe ich gefragt. Er sagte ‚sehr ernst, deine Mutter schafft das nicht, du musst kommen‘. Ich bin natürlich sofort runter geflogen. Als ich ankam, war schon später Abend, 23 Uhr, eigentlich keine Besuchszeit mehr. Der Vordereingang des Krankenhauses war geschlossen. Ich habe mich dann durch den Hintereingang rein geschlichen.

Und war deine Mutter noch bei Bewusstsein?
Nein, sie lag schon im Koma. Ich habe sie ein bisschen gestreichelt. Dann bin ich gegangen. In der gleichen Nacht ist sie gestorben. (Plötzlich ist er ganz weich. Das ist das Besondere an Mario. Die extremen Gefühle. Er kann in einem Moment wütend sein und hart. Und im nächsten sehr warm.)

Wart ihr miteinander im Reinen?
Ich war immer im Reinen mit meiner Mutter. Obwohl sie mich belogen hat wegen meines Bruders. Aber okay. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihr.

Und wie war das Verhältnis zu deinem Vater?
Anders. Mein Vater hat wenig gesprochen. Und so, wie er meinen Bruder und mich behandelt hat, behandelt man seine Kinder nicht. Ich war zwölf Jahre im Waisenhaus. Meine Eltern haben nur gearbeitet. Was ist das für ein Vater? Schwer zu erklären. Schwer zu verstehen. Meine Mutter hat er kaum besser behandelt. Als sie tot war, hat er sie kein einziges Mal auf dem Friedhof besucht. Er wusste nicht mal, wo sie liegt.

Wie ist dein Vater gestorben?
Einsam, leider. Er hat sich auf die falschen Leute verlassen. Zum Schluss wurde er von einem Untermieter gepflegt. Der hat ihn eingelullt. Mein Vater hat ihm daraufhin alles vererbt. Sein ganzes Vermögen. Alles weg.

Hast du das angefochten?
Nee. Ich scheiß auf Geld. (Auf das also auch. Auf den Pfarrer. Und auf das Geld.) Dem Typen, Giorgio heißt er, habe ich gesagt, er solle besser nicht in die Kirche kommen, sonst könne er sich nämlich direkt neben meinen Vater legen. Die Beerdigung musste allerdings verschoben werden, weil auf dem Friedhof kein Platz frei war. Die Leiche meines Vaters lag eine ganze Weile in der Leichenhalle. Bis Giorgio ihn begraben hat. Neben einer Pfütze, an der Mauer. So begräbt man noch nicht mal einen Hund. Ich habe daraufhin einen Antrag auf Umbettung gestellt. Hat vier Jahre gedauert.

So lange. Woran lag das?
Bürokratie. (Seine Stimme geht hoch. Was für eine Frage!) Als es endlich so weit war, musste der Sarg noch mal geöffnet werden. Von meinem Vater war nichts mehr übrig. Außer den Knochen, dem Anzug und dem weißen Plastikkopfkissen.

Hast du den Tod deiner Eltern eigentlich als schweren Einschnitt in deinem Leben empfunden?
Nee. Ich denke auch nicht täglich an meine Eltern. Haben die gar nicht verdient. Aber hängen trotzdem da, ne? (In der Tat. In der Ecke über dem Personaltisch hängt ein Foto von Paolo und Felicitas Comune. Aus den 1980ern.)

Teil 2 des Gesprächs folgt in den kommenden Tagen.

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