Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Lars Terlinden im Interview – „Im interdisziplinären Ansatz liegt riesiges Potenzial“

Lars Terlinden, Foto: Lars Terlinden

Eine ganze Woche lang war Lars Terlinden bei der SXSW in Austin. Nicht nur um Konzerte zu besuchen, natürlich. Der Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft der Wirtschaftsförderung Düsseldorf wollte vielmehr ausloten, wie sich die Stadt in Zukunft an diesem internationalen Festival beteiligen und davon bestmöglich profitieren kann. theycallitkleinparis hat mit Terlinden gesprochen.

Wenn man sich bei Facebook in der vergangenen Woche so umschaute, konnte man ja den Eindruck gewinnen, halb Düsseldorf sei in Austin. Welche bekannten Gesichter aus der Heimat hast du bei der SXSW getroffen?
Zu viele, um sie hier alle aufzuzählen – und doch längst nicht alle. Hier tummeln sich reichlich Düsseldorfer, sowohl beruflich, als auch privat. Vom Tourismus-Startup über Kreativunternehmen aus Musik, Film, Interactive und Werbung bis hin zu Branchengrößen des Pressemarktes, der Unternehmensberatung und der Telekommunikation – was auch immer der jeweilige kreative Kontext ist, Inspiration und Input finden sie alle hier.

Mit wie vielen Kollegen war das Amt für Wirtschaftsförderung vertreten?
Nur mit einem, mit mir. Der allerdings fühlt sich nach sehr intensiven Tagen gerade, als wäre er wie drei in Texas unterwegs gewesen. Vom Netzwerken einmal abgesehen, war es Ziel der Reise, eine Strategie zu entwickeln, wie sich die Stadt Düsseldorf in Zukunft an diesem international führenden Festival der Kultur- und Kreativwirtschaft beteiligen und davon bestmöglich profitieren kann. Dafür habe ich nun ein paar Ideen im Gepäck, die wir bald bei der Wirtschaftsförderung diskutieren werden.

Waren auch Düsseldorfer Bands oder Musiker vor Ort?
Gut möglich, aber es gab keine offiziellen Showcase-Konzerte, soweit ich weiß. Nach Kreidler und Stabil Elite im letzten Jahr war Düsseldorf 2017 offiziell nicht durch Bands vertreten, dafür aber mit anderen Präsentationen, zum Beispiel mit dem mehrtägigen Infostand von Lavalabs im German Haus.

German Haus? Habt ihr euch da dann des Abends zusammengerottet, Bratwurst und Sauerkraut gegessen, Rammstein gehört und deutsch gesprochen?
Genau, wer hat uns verraten? Nein, im Ernst: Das ist eine Option und viele deutsche Teilnehmer haben dafür auch den Anlaufpunkt German Haus genutzt, allerdings ohne Rammstein-Beschallung. Für mich war es jedoch interessanter, die Tage, Abende und Nächte zu nutzen, um die Präsentationen anderer Länder und der Vielzahl an Unternehmen zu besuchen und die Angebote dort kennenzulernen. Das Netzwerken mit Deutschen kam dabei jedoch auch nicht zu kurz, ob bei kurzen Besuchen im German Haus oder unterwegs an anderen Orten.

Die SXSW gibt es seit 30 Jahren. Was als reines Musikfestival begann, ist mittlerweile eine Mischung aus Festivals, Konferenzen und Fachausstellungen. Wie umfangreich darf man sich das Programm vorstellen und welche Themen wurden verhandelt?
Mir scheint, das Programm der SXSW ist immer erst vollständig, wenn das Festival vorbei ist. Von den tausenden Einzelveranstaltungen bis hin zum großen Ganzen der Schwerpunktthemen Musik, Film und Interactive: Das Festival funktioniert eher wie ein Organismus als wie eine Organisation. Die komplette Innenstadt wird bespielt, kaum ein Raum, kaum eine Nische bleibt ungenutzt, und manche Häuser, Räume oder Flächen werden innerhalb der zehn SXSW-Tage sogar gleich mehrfach bespielt. Kurzum: Es gibt kaum ein Thema im Spannungsfeld zwischen Kultur- und Kreativwirtschaft, Technologie, Gesellschaft und Zeitgeschehen, das hier nicht in irgendeiner Form präsentiert oder diskutiert wird.

Nach welchen Kriterien hast du dir dein persönliches SXSW-Programm zusammengestellt beziehungsweise welche Themen waren für deine Arbeit beim KomKuK besonders relevant?
Bei allen Bemühungen, einen Überblick zu bekommen, war ich anfangs ziemlich erschlagen vom gefühlt endlosen Angebot, deshalb habe ich mich am ersten Tag treiben lassen und viele Gespräche mit Leuten geführt, die schon mehrfach hier waren. So kam ich recht schnell dazu, Inhalte und Formate gesondert zu betrachten. Will sagen: Es gab hier ein riesiges Angebot an Formaten, von Diskussionsrunden, Vorträgen und Interviewsituationen über Produktpräsentationen und Messestände bis hin zu Konzerten, Unterhaltungsprogrammen und Partys. Nicht alle Formate transportieren auch Inhalte, und manchmal steckt hinter einem eindrucksvollen Titel ein sehr lahmes Angebot. Für meine KomKuK-Arbeit habe ich mich deshalb spätestens ab Tag zwei darauf konzentriert, Formate zu finden, bei denen die Inhalte im Vordergrund standen. Das Themenspektrum reichte dabei von Augmented und Virtual Reality über agiles Arbeiten, Kreativwirtschaft als Treiber der Stadtplanung und der Zukunft der Textilwirtschaft bis hin zu Startups, deren Unternehmenswert schon jetzt von ihnen selbst auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wird. Ergänzend dazu waren die ungezählten Gespräche Kollegen aus aller Welt besonders relevant für meine Arbeit, denn im direkten Austausch habe ich viele gute Ideen für neue Projekte erhalten und gleichzeitig Werbung für unsere erfolgreiche Arbeit in Düsseldorf machen können.

Welches Thema hast du im Rahmen der SXSW neu für dich entdeckt?
Das Schöne ist, dass, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen, fast alle Themen des Festivals fortlaufende Themen sind, zu denen die SXSW den aktuellen Stand der Technik, der Datenlage oder der Diskussion liefert. Besonders spannend fand ich daher kein einzelnes Thema, sondern den interdisziplinären Ansatz, denn darin liegt riesiges Potential. Die SXSW reißt quasi alle Schubladen auf und überlässt es dem Publikum, die interessanteste Schublade zu wählen. Diesen Ansatz möchte ich gerne auch nach Düsseldorf holen, zum Beispiel im Rahmen der KomKuK-Kooperation mit der postPost, bei der Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft jeden Mittwoch den 900-Quadratmeter großen, improvisierten Clubraum für’s Experimentieren und Präsentieren nutzen können – bestenfalls interdisziplinär, denn daraus entsteht Innovation. Abgesehen davon hat mich das Thema „Stromgeneratoren in Bodenbelägen” sehr angesprochen, denn daraus würden für Spielstättenbetreiber langfristig ganz neue Einnahmequellen entstehen.

Ein Redner, der bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen hat?
Es gab mindestens drei – und das ist schon die engere Auswahl: Ein knubbeliger Mann aus Sheffield, der beim „Tech Off” im britischen Haus den Startup-Pitch gewonnen hat – gegen zwei Profiwrestler, die ihn ganz offiziell von der Bühne geworfen hätten, wenn er seine Präsentationszeit überzogen hätte. Seine Geschäftsidee: Er nimmt Produkte, die in der Vergangenheit einmal als visionär galten, dann jedoch gescheitert sind, weil die Welt noch nicht bereit war, und prüft ihre heutigen Marktchancen. Er erfindet sozusagen die in der Vergangenheit verfrühte Zukunft neu. Die Idee finde ich großartig! Ein anderer Redner, der – allerdings sehr negativen – Eindruck hinterlassen hat, war ein Pentagon-Stratege, der zum Thema Militärtechnologie und Games-Industrie sagte, man könne von Computerspielen nicht nur lernen, Kriegsführung effizienter zu machen, sondern auch – Zitat! – “more entertaining and fun”. Hoffentlich setzt sich dieser Ansatz niemals durch. Als drittes die amerikanische Reporter-Legende Dan Rather, der zum Thema Trump und sein Feldzug gegen die Presse so viel Besonnenheit und Klarheit demonstrierte, dass ich mir wünschte, den Mann gäbe es als App-Filter für die ganze Hysterie in den heutigen Medien.

Allabendlich stehen auch unzählige Konzerte in den Clubs auf dem Programm. Was hast du dir angeschaut?
Bei dieser Antwort wippen die Füße mit: Be Charlotte, Charlie Cunningham, Jean-Michel Blais, Aldous Harding, Sykes, All Our Exes Live In Texas, SOHN, Sven Helbig, Temples und Tunde Olaniran – sie alle haben Showcase-Konzerte gespielt, also kurze Sets von 30 bis 40 Minuten in kleinen Clubs, die alle nur wenige Minuten von einander entfernt liegen. Einen Abend habe ich mit ein paar Mitreisenden der NRW-Delegation im legendären Austin City Limits-Club verbracht, bekannt durch Johnny Cashs Mittelfinger-Foto. Das Line-up dort waren Rare Essence, Erykah Badu, Thievery Corporation und der Wu-Tang Clan. Mein absolutes Highlight des Festivals war jedoch eine junge Jazz/Funk-Combo aus London namens Moses Boyd Exodus (https://soundcloud.com/moses-boyd/tracks). Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Neben der Musik sind die Konzerte auch wichtige Netzwerk-Orte, denn das Publikum besteht fast ausschließlich aus internationalen Branchenvertretern, von Musikern, Agenten und Veranstaltern über Verbandsvertreter bis hin zu öffentlichen Förderern der Kreativwirtschaft wie mir. Gerade bei den deutschen und europäischen Acts habe ich so ein paar gute Kontakte knüpfen und wertvollen Input für die Arbeit des KomKuK erhalten können. Das wäre im Gewimmel der Tagesprogramme deutlich schwieriger gewesen.

Und wie ist Austin so als Stadt?
Vor allem flach, denn es gibt nur wenige Hochhäuser, und das sind alles Hotels im Stadtkern. Die Stadt wächst um durchschnittlich 200 Einwohner pro Tag, nur leider gefühlt vollkommen planlos. Im SXSW-Ufo des Stadtkerns wirkt alles wahnsinnig trubelig und recht modern – vom baulichen Zustand der Clubs einmal abgesehen. Aber kaum verlässt man das Festival-Geschehen, steht man mitten drin in der motorisierten Unendlichkeit amerikanischer Großstädte. Was bei uns die Altstadt ist, ist hier die 6th Street, allerdings mit Bier ab mindestens 5 Dollar pro kleiner Flasche und so viel Lärm, dass man sich schon morgens darauf freut, abends in ein Ambient-Konzert in einer Kirche zu gehen. Austin ist die Plattform für viele riesige Messen und Spektakel wie die Formel 1, hat eine lebendige Livemusikszene und sicherlich auch viele andere Vorzüge, die sich mir im künstlichen Kontext der SXSW nicht ganz erschlossen haben… oder von denen ich mich bewusst fern gehalten habe, wie Rodeo, Schießstände und Car-Shows.

Nach all dem programmatischen Overkill müsstest du doch eigentlich ein gewisses Bedürfnis nach Ruhe verspüren. Nach Brandenburg. Island. Einem Eifeldorf. Stattdessen bist du zwei weitere Wochen in den USA unterwegs. Wo genau?
New York City – Boston – Portland, und retour. Ich habe Freunde in der Region und Ruhe wird’s dort auch geben, zumindest gelegentlich. Leider ist es nach den hohen Temperaturen in Texas gerade kein Vergnügen, mit klassischer Klimaanlagen-bedingter Erkältung in praller Sonne durch den New Yorker Schnee zu stapfen, aber auch so kehrt Ruhe ein.

Du bist ja ein passionierter Reisender und als solcher nicht zum ersten Mal in den USA unterwegs. Welchen Eindruck hast du von der Stimmung im Lande, vor allem im Hinblick auf den neuen Präsidenten?
Es ist mein dritter Aufenthalt hier. 2004/5 habe ich einige Monate in Kalifornien studiert und dann einen Roadtrip durch Louisiana, Mississippi, Tennessee und Alabama gemacht, mit abschließenden Stops in Washington D.C und New York. 2015 habe ich die Staaten dann auf nördlicher Route überquert, sechs Wochen lang, von San Francisco über Oregon, Seattle, Montana, Denver, Chicago und wieder nach New York. Ich kenne also die Stimmungen in sehr unterschiedlichen Teilen des Landes, wobei man immer unterscheiden muss zwischen Städten und Land, zwischen den Teilnehmenden eines Festivals wie der SXSW und den Locals, die man in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Restaurants oder beim Small Talk in einer Warteschlange trifft. Mein Eindruck ist: Die Stimmung ist aufgeheizt, aber leider nicht im Diskurs, sondern im übereinander und gegeneinander Reden. Jemanden als „Trump-Wähler” zu beschimpfen funktioniert genauso gut wie der Vorwurf, unpatriotisch zu sein, weil man ihn nicht gewählt hat. Zudem herrscht viel Ungewissheit, denn wer weiß schon, welche vor allem wirtschaftlichen Konsequenzen die Präsidentschaft Trumps im eigenen Land haben wird? Im Vergleich zu früheren Eindrücken, zum Beispiel im Wahlkampf beziehungsweise bei der Wiederwahl von George W. Bush versus John Kerry 2004, scheint sich die soziale und politische Spaltung im Land deutlich verschärft zu haben. Es geht oftmals nicht mehr darum, wo jemand politisch steht, sondern dass er oder sie mit dem politischen Standort auch vermeintlich dokumentiert, wo sie oder er sozial, moralisch, wirtschaftlich und intellektuell steht. Das ist für mich der eigentliche Trump-Faktor: Es wird deutlich weniger differenziert, dafür schneller pauschaliert, so wie ich es hier auch tun muss, um die Frage zu beantworten. Gut zu wissen, dass bei der SXSW bereits Ansätze vorgestellt wurden, wie man einer weiteren Spaltung sozial, journalistisch und auch technisch entgegenwirken könnte. Nun müssen diese Ansätze nur noch in die Tat umgesetzt werden.

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