Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Thomas Artur Spallek im Interview – „Fahrradfahren hat etwas Romantisches“

denken3000, Foto: privat

Am 25. März startet die Aktion FREE BIKES in Düsseldorf. An vier Stationen in der Stadt sollen ab dann kostenlos Fahrräder auszuleihen sein. Thomas Artur Spallek ist einer der Väter der Idee. theycallitkleinparis hat mit ihm gesprochen.

Hinter der Idee zu FREE BIKES steckst du nicht alleine. Vielmehr zeichnet denken3000 verantwortlich. Was genau darf man sich darunter vorstellen?
Wir sind ein hochexklusiver Club aus Menschen, die sich mit sozialen Prozessen in Stadt und Gesellschaft beschäftigen. Eine alte, aber uns total wichtige Kernfrage ist: Wie wollen wir in Zukunft leben beziehungsweise zusammenleben? Unsere Reflexionen sind Aktionen, Events, Bücher, Workshops, Plattformen, Installationen, in jedem Fall immer Impulse, die darauf angelegt sind, Menschen zu inspirieren und zu involvieren. Das klingt jetzt hochgegriffen, aber das ist zunächst erst mal unsere Vision.

Welche Idee steckt hinter FREE BIKES?
Die Idee ist so banal wie einfach: FREE BIKES möchte jeden mit einem fahrbaren Untersatz versorgen, der gerade einen braucht. Dabei geht es darum, all die kleinen Widerstände zu beseitigen, die uns daran hindern, uns gesünder, umweltfreundlicher und kostensparend fortzubewegen. Sprich: FREE BIKES stellt Fahrräder gratis zur Verfügung. Zunächst an vier zentralen Stellen in Düsseldorf. Dann sehen wir weiter. Neben der rein praktischen Seite hat das Projekt eine ideelle. Die Aktion lebt ja davon, dass Menschen sich angesprochen fühlen und dass sie mithelfen. Sie will dafür werben, sich für die Stadt, also die persönliche Umwelt zu sensibilisieren und selbst darin aktiv zu werden. Am Ende geht es um das große Beuyssche Ideal: die Stadt als soziale Skulptur zu begreifen, an der jeder eingeladen ist, mitzuwirken.

Von wem stammt die Idee?
Von uns als Düsseldorfern, die gerne hier leben und gerne über die Potenziale der Stadt nachdenken. Toll dabei ist, dass uns Alain Biber vom NRW-Forum von Anfang an mit Rat, Tat und Ressourcen unterstützt. Genauso wie das Grand Depart Büro. Dafür sind wir sehr dankbar.

Euer Non-Profit-Projekt startet zur Nacht der Museen. Warum dockt ihr gerade da an? Hätte ja auch das „BicycleFilmFestival“ sein können oder die „Cyclingworld“.
Es bietet sich einfach an. In der Nacht der Museen sind eh Hinz und Kunz von A nach B und von C nach D unterwegs. Deshalb wollen wir an A, B, C und D Fahrräder zur Verfügung stellen. Die Kunsthalle, das KIT, das FFT und natürlich das NRW-Forum sind dabei. Das freut uns und bringt der Sache viel Aufmerksamkeit. Daneben sind gerade unkommerzielle Projekte in der Kunst und Kultur gut aufgehoben.

Wie sind die Reaktionen bisher?
Das Projekt wird im Großen und Ganzen sehr positiv aufgenommen. Wir glauben, dass es daran liegt, dass sich viele Menschen insgeheim auch eine andere Form von Stadt wünschen. Fahrradfahren hat ja immer noch etwas Romantisches. Man spürt den Fahrtwind und ist ganz anders mit der Welt verbunden als in der Kabine eines Autos. Die stellt ja eher ihre eigene Welt her.

Wie viele Leute haben sich schon mit Rädern bei euch gemeldet?
Die ersten Fahrräder wurden im NRW-Forum abgegeben, was uns sehr freut, denn es zeigt auch, wir werden verstanden und Düsseldorf will uns helfen. Nichtsdestotrotz suchen wir unbedingt noch Spender: Menschen, die ihren alten Drahtesel loswerden wollen. Zum Beispiel, weil sie sich eh einen neuen kaufen oder einfach nicht mehr Fahrradfahren.
Nun werden ja manche der Räder reparaturbedürftig sein. Wer macht sie wieder flott?
Wir haben ein paar Fahrrad-Enthusiasten im Team, die die Fahrräder reparieren. Auch hier suchen wir natürlich noch Anpacker, Menschen, die uns unterstützen können oder Werkstätten, die als Partner dabei sein wollen.

Die Idee ist zweifelsohne eine gute. Wie die Givebox zum Beispiel auch. Trotzdem gibt es Menschen, die Giveboxen anzünden, plündern oder zerstören. Habt ihr keine Sorge, dass die Fahrräder demoliert oder gar geklaut werden?
Man kann das tatsächlich sehr kritisch sehen: Natürlich kann es sein, dass nach einem Tag kein Rad mehr da ist, weil alle gestohlen worden sind oder weil alle irgendwo liegen gelassen werden, wo man sie nicht wiederfindet. Aber darum machen wir uns keine Sorgen. Wir sind das Projekt ganz bewusst naiv angegangen und haben es von Anfang an als ein Experiment gedacht. Klappt es: fantastisch. Klappt es nicht: wissen wir wieder etwas mehr über Düsseldorf und seine Menschen. Wir gewinnen am Ende also immer. Darüber hinaus ist es ein totaler Gewinn, mit Menschen, Blogs, Zeitungen ins Gespräch zu kommen. Und das Thema Mobilität in der Stadt zu diskutieren, um hoffentlich eine interessante Perspektive hinzuzufügen. Wenn Menschen wieder mehr über ihre direkte Umwelt nachdenken und sie nicht einfach als gegeben ansehen, dann ist das schon ein großer Erfolg.

Düsseldorf nennt sich gerne Fahrradstadt, landet aber in den entsprechenden Rankings der fahrradfreundlichen Städte meist im hinteren Drittel. Bei welchen Punkten ist deines Erachtens Luft nach oben?
Wir fragen mal zurück: Leben wir in einer Stadt, in der es wirklich Spaß macht, Fahrrad zu fahren? Wir kennen viele Menschen, die die Frage mit „Nein“ beantworten. Mehr noch, viele sagen, dass es sogar lebensgefährlich ist. Doch egal wie man die Frage beantwortet, am Ende muss man sich nur Kopenhagen anschauen. Dann weiß man, was eine fahrradfreundliche Stadt ist. Was man dort für die Förderung der Fahrradfahrer tut, ist mit Düsseldorf gar nicht vergleichbar. Man könnte jetzt anfangen, über diese oder jene Maßnahme zu diskutieren. Am Ende geht es um einen positiven, politischen Gestaltungswillen, also eher nicht um die Frage, ob es einen Fahrradweg mehr oder weniger gibt, sondern um eine echte Vision. In was für einer Stadt wollen wir leben? Und wie wollen wir uns darin bewegen? Das kann man auf ganz verschiedene Weise beantworten. Oder zumindest anfangen, mit verschiedenen Antworten im kleineren Maßstab zu experimentieren. Natürlich ist Autoland Deutschland kulturell bedingt besonders unbeweglich in seinen Antworten.

Kann der Grand Depart, wie man immer wieder hört, tatsächlich etwas ändern?
Der Grand Depart kann eine Chance sein, über Mobilität neu nachzudenken. Dazu muss es aber laute Stimmen, Impulse und den politischen Willen geben. Der Event allein reicht dazu sicher nicht. Nun ist es schon mal toll, dass wir vom Grand Depart Büro unterstützt werden. Die Bereitschaft ist also grundsätzlich da.

In eurem Konzept heißt es, dass Düsseldorf besser dran ist, wenn alle mit dem Fahrrad fahren. Habt ihr selbst noch ein Auto?
Wir teilen uns mit fünf Leuten ein Auto. Wir sind aber auch keine Anti-Auto-Aktivisten. Es geht uns eher darum, einen Impuls zu setzen. Wir wollen auch nichts verbieten. Es gibt ja eine Form von Öko-Aktivismus, die den Leuten schon mächtig auf den Senkel geht. Wir wünschen uns eher positive Anreize fürs Fahrradfahren und ein bewussteren Umgang mit der Frage ‚Wie bewege ich mich fort‘. Jeder, der nicht hirntot ist, weiß ja, dass unser Mobilitätsverhalten ohne Kosten nicht zu haben ist. Und mit Kosten meinen wir weder Benzinpreise noch Versicherung, sondern die Kosten für Umwelt und Gesundheit, die jeder zahlen muss, der in der Stadt lebt. Es ist bekannt, dass die Feinstaubwerte in manchen Teilen Düsseldorfs exorbitant sind. Die Stadt wurde unlängst gerichtlich dazu verdonnert, für saubere Luft zu sorgen. Diese Aspekte unserer Mobilität verdrängen wir aber gerne zu Gunsten unserer eingeübten Verhaltensweisen und anderen Werte, die uns offensichtlich wichtiger sind. Die Frage ist deshalb, was muss geschehen, damit wir andere, für uns gesündere Verhaltensweisen annehmen? Es ist ganz sicher nichts gewonnen, wenn man jetzt anfängt, das Autofahren zu dämonisieren.

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Foto: privat

Das Artwork zu FREE BIKES ist sehr schick. Was wird es an entsprechendem Merchandise geben und wo kann man es erwerben?
Wir produzieren ein paar Poster und Jutebeutel. Neben dem freien Einritt ins NRW-Forum gibt es unserer Merchandise-Artikel in erster Linie als Dankeschön für die Fahrradspender. Ansonsten haben wir Genies natürlich kein Geschäftsmodell. Wir wollen mit dem Projekt kein Geld verdienen. Wenn nun aber jemand unbedingt Geld ausgeben möchte, kann er sich auf unserer Facebook-Seite melden. Wir verbuchen das gerne als Spende. Tatsächlich haben wir ja auch Kosten. Etwa für Werkzeug und Ersatzteile.

Letzte Frage: Unter den Unterstützern der Aktion ist auch Boris Becker. Der Tennisspieler oder der Fotograf?
Es ist bisher kein Fotograf unter den Unterstützern. Mehr verraten wir nicht.

FREE BIKES startet am 25. März zur Nacht der Museen.

Wer sein altes Fahrrad spenden möchte, kann das bis dahin im NRW-Forum tun.

theycallitkleinparis verlost 5 Pakete mit je einer FREE BIKES-Tasche und einem Poster. Einfach bis zum 20.3. eine E-Mail an salut@theycallitkleinparis.de schreiben. Den Rest besorgt dann die Glücksfee.

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