Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Falafel ala Kefak – „Das können Sie sehr gerne machen, Madame“

Samir Alzain (Mitte) mit Mitarbeitern, Foto: Alexandra Wehrmann

Die Frau mit der türkisen Mütze ist selbsternannte Falafel-Expertin. „Ich habe schon überall Falafel gegessen“, sagt sie. In Israel zum Beispiel. Und in Amsterdam. „Aber diese hier sind die besten.“ „Diese hier“ sind die von „Falafel ala Kefak“. Seit knapp vier Wochen steht der Imbisswagen auf dem Stresemannplatz, unter dem Dach der ehemaligen Tankstelle. Dafür läuft das Geschäft schon ganz gut. Die Frau mit der türkisen Mütze ist nicht der einzige Fan. Rund um den Heizpilz stehen drei weitere Kunden und beißen in ihre Sandwiches. Die Qualität der Kichererbsen-Bällchen hat sich im Viertel bereits herumgesprochen. Samir Elzain betreibt den Imbiss gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Jamil und Mohammed. Elzain wurde im Libanon geboren, hat einen syrischen Pass. „Ich fühle mich aber als Deutscher“, sagt er. Im Alter von sechs Monaten ist er mit seiner Familie ins Land gekommen. Nach Darmstadt. Mittlerweile wohnt er in Solingen. Mit Gastronomie hatte er bis vor kurzem rein gar nichts zu tun. „Wir sind Autohändler“, sagt der 29-Jährige. Auf Brust und Oberschenkel seines schwarzen Jogginganzugs prangt wie zum Beweis das Logo der Marke Bentley. Sein Vater habe den Autohandel vor vielen Jahren aufgebaut, erzählt der Syrer, mittlerweile haben er und seine Brüder das Geschäft übernommen. Ich schlage vor, dass wir uns duzen. „Das können Sie sehr gerne machen, Madame“, entgegnet Alzein. Höflichkeit ist die erste Pflicht des Autohändlers. Ich sage also du. Er siezt zurück.

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Foto: Alexandra Wehrmann

Der Neu-Gastronom zeigt mir die Räume der ehemaligen Tankstelle. Hier soll irgendwann ein stationärer Imbiss entstehen. Vielleicht auch ein Café. Bis dahin aber ist noch viel zu tun. Heizung. Elektrik – funktioniert alles noch nicht. Alzein lacht. Er ist im Moment jeden Tag am Stresemannplatz. Er hat das Tankstellendach weiß gestrichen. Den Boden neu gepflastert. Um 9 Uhr morgens öffnet der Imbiss. Schluss ist frühestens um Mitternacht. Freitag und Samstag erst um 3 Uhr morgens. Alzeins Familie hat viel Geld investiert. Er nennt eine Summe im fünfstelligen Bereich. Wäre schön, wenn der Plan aufginge. Und wenn nicht? „Auch nicht so schlimm. Ist ja nur Geld.“

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Foto: Alexandra Wehrmann

Die Imbiss-Idee entstand im Solinger Autohandel. Dort jobbte sein Landsmann Fadi Damir, der vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland geflohen war. Damir polierte Autos und träumte von Falafel. In Aleppo hatte er als Koch bei „Falafel ala Kefak“ gearbeitet. Die Kette betreibt zahlreiche Filialen im ganzen Land. Bei einem Bombenangriff wurde jene in Aleppo jedoch zerstört. Im Solinger Autohaus schwärmte Damir seinen Kollegen immer wieder von den Kichererbsen-Bällchen vor und irgendwann ließ er Taten folgen. Er machte Falafel für die ganze Crew. Alle waren begeistert. „Besser als bei meiner Mutter“, sagte einer. Das höchste aller Komplimente. Kurz darauf stand die Idee fest. Man wollte das Konzept nach Deutschland importieren. Nicht nach Solingen, die Stadt war zu klein. Nach Düsseldorf. Alzein fand den Standort in Bahnhofsnähe und fackelte nicht lange. Heute arbeiten insgesamt sechs Flüchtlinge in dem kleinen Imbisswagen. Alle aus Syrien. Alle mit Gastronomie-Erfahrung. Wie man Falafel macht, musste man keinem von ihnen zeigen. Deutsch müssen die meisten hingegen noch lernen. Aber für das, was am Imbiss zu reden ist, reicht es allemal. Das Angebot ist überschaubar. Außer Falafel gibt es nur Pommes, Tee und Kaltgetränke. „Wir machen alles frisch“, sagt Alzein. Während in vielen anderen Imbissen die Kichererbsen-Bällchen aus der Tiefkühltruhe kommen, werden bei „Falafel ala Kefak“ die Hülsenfrüchte zunächst einmal 12 Stunden lang eingeweicht. „Das macht das Ganze so aufwändig“, erklärt Alzein.

Der Mann, der sein schwarzes Haar zur Tolle frisiert trägt, weiß, was er an seinem Leben in Deutschland hat. Er kennt den Krieg im Nahen Osten nicht nur aus den Nachrichten. Bis vor zwei Jahren hat er zusammen mit seinen Brüdern regelmäßig Autos nach Syrien gebracht. „Die haben wir dann vollgeladen mit Hilfsgütern, Reis, Zucker, so Sachen, das wurde vor Ort verteilt“, erinnert sich Alzein. Einmal pro Woche sind sie „runtergefahren“. 24 Stunden bis Istanbul. Kurz Ausruhen. Dann noch mal 800 Kilometer bis zur türkisch-syrischen Grenze. „Ich habe schreckliche Sachen gesehen, glauben Sie mir, Madame“, sagt Alzein. Ein kleines Mädchen, das bei einem Bombenangriff einen Fuß verloren hat. Menschen, die einen Hund geschlachtet haben. Und eine Mutter, die an der türkisch-syrischen Grenze auf ihren Sohn wartete und vor Ort erfuhr, dass er von einem Sniper getroffen worden war. „Sie hatte drei Söhne“, erinnert sich Alzein und seine dunklen Augen schimmern feucht, „er war der letzte. Die anderen beiden waren schon tot.“ Danach herrscht erst mal einen Moment Stille. Alzein nimmt das Wort Demut nicht in den Mund. Aber natürlich ist es das, was er meint, wenn er sagt, dass er froh ist, hier in Deutschland sauberes Wasser zu haben. Nicht hungern zu müssen. Und in Frieden leben zu können. Meistens jedenfalls.

Als „Falafel ala Kefak“ eröffnete, war der 19. Dezember. An jenem Tag lenkte in Berlin der Tunesier Anis Amri einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Bei dem Anschlag starben 12 Menschen. Samir Alzein und seine Brüder waren geschockt. Und sie beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Seitdem prangt ein Transparent hinter dem Imbiss, das die Berliner Skyline zusammen mit den Symbolen der Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam zeigt. Die dazugehörige Botschaft lautet „Im Namen Gottes darf NICHT getötet werden“.

Falafel ala Kefak, Stresemannplatz, Düsseldorf; Mo-Do & So 9-24, Fr + Sa 9-3 Uhr

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