Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Zu Ikea gewandert“ – Interview mit Ralf Neuhäuser

Foto: privat /


Für 2016 hatte Ralf Neuhäuser einen guten Vorsatz. Er wollte jede Woche die Distanz eines Marathons zurücklegen. 42 Kilometer. Nicht laufend allerdings, sondern gehend. Im Gegensatz zu den guten Vorsätzen vieler anderer Menschen ist der von Neuhäuser nicht auf der Strecke geblieben. Im Gegenteil. Er hat sogar mehr Kilometer bewältigt als geplant. Wo genau er unterwegs war, wie er sich dabei gefühlt hat und was er sich für das neue Jahr vorgenommen hat – all das hat Neuhäuser theycallitkleinparis im Interview erzählt.

Ralf, du wolltest 2016 jede Woche 42 Kilometer gehend bewältigen. Hast du das geschafft?

Ja, und weit mehr als das. Als überwiegender freiberuflicher Heim- und Schreibtischarbeiter fehlte es mir an Bewegung. Joggen kam aber zum Beispiel nicht in Frage, weil mein rechtes Knie eine ziemliche Ruine ist. Aber im Schnitt etwa sechs Kilometer pro Tag zurückzulegen, schien mir machbar unter Einbeziehung der üblichen Alltagswege, einiger zusätzlicher, ausgedehnter Spaziergänge und der gelegentlichen Wanderungen, die ich ohnehin schon immer gerne unternommen habe.

Das Gros kam aber vermutlich durch längere Wanderungen am Wochenende zustande, oder?

Nein, als ich merkte, dass ich das gefasste Ziel gut würde erreichen können, mein Ehrgeiz geweckt war und ich Spaß daran fand, habe ich versucht, das Ziel auf 10.000 Schritte gleich etwa 7,5 Kilometer pro Tag auszuweiten. Am Ende waren es im Schnitt 7,7 Kilometer pro Tag, circa 54 Kilometer pro Woche und 2.820 Kilometer im ganzen Jahr, was exakt dreimal der Strecke von Flensburg nach Mittenwald entspricht. Das habe ich nicht durch überdurchschnittlich lange Wanderungen am Wochenende erzwungen. Natürlich gab es einzelne Tage, an denen das Pensum deutlich unter dem Schnitt lag, aber meistens habe ich eine gleichmäßige Verteilung der zurückgelegten Wege erreicht. Und wenn nicht, habe ich noch eine nächtliche Runde in Friedrichstadt oder den benachbarten Stadtteilen gedreht.

Welche Wanderstrecke in und um Düsseldorf kannst du besonders empfehlen?

Den Neanderlandsteig, wo er Düsseldorf anschneidet. An der Düssel gibt’s viel zu entdecken, die gesamten Rheinufer bieten weite Blicke. Den Aaper Höhenweg, Grüters- und Wolfsaap, Grafenberger Wald, wenn man ein bisschen von oben herabschauen will. Und den Friedhof Stoffeln, weil man dort Ruhe findet, ohne weit raus zu müssen. Ansonsten: sich treiben lassen. Jeder Stadtteil hat was zu bieten, wenn man hinschaut und neugierig ist.

Wanderst du ausschließlich im Grünen oder darf es auch mal eine urbane Route quer durch die Stadt sein?

Sowohl als auch und manchmal beides in einem, denn auch im urbanen Raum kann man sich erstaunlich viel im Grünen bewegen. Ich bin zum Beispiel vielleicht der einzige Düsseldorfer, der schon mal zu Ikea gewandert ist und das fast komplett durchs Grüne. Neben den grünen Flecken, wie die großen Parks und Friedhöfe, interessieren mich aber auch die scheinbar weniger attraktiven Gegenden Düsseldorfs. Auch in Gewerbegebieten und auf Brachen gibt es immer etwas zu entdecken.

Du arbeitest auf dem Factory Campus in Lierenfeld und wohnst in Friedrichstadt. Wie legst du diese Strecke zurück?

Je nach Tagesform, Laune und verfügbarer Zeit lege ich meist einen Teil der Strecke zum Factory Campus mit der Bahn oder mit Carsharing zurück. Zu Fuß zum Hauptbahnhof, von da ein paar Stationen mit der U-Bahn. Ich steige aber meist nicht an den nächstgelegenen Haltestellen ein oder aus, sondern eben jeweils eine oder zwei dahinter oder davor. Den Rest gehe ich zu Fuß und versuche dann auch immer wieder andere Varianten zu entdecken.

Wanderst du gerne allein oder lieber in Gesellschaft?

Die täglichen Touren absolviere ich meist allein, weil sie entweder zweck- beziehungsweise zielgebunden sind oder ich sie sehr spontan unternehme. Nachts bin ich bisher auch immer alleine unterwegs gewesen. Es ist dann leichter, sich treiben zu lassen oder seinen Impulsen zu folgen. Alle anderen Spaziergänge und Wanderungen mache ich sehr gern mit meiner Partnerin Ulrike Zecher. Weitere Mitwanderer sind zwei meiner Cousins. Und mit Düssel-Flaneur Sebastian Brück habe ich schon länger eine Übereinkunft, eines Tages gemeinsam für eine neue Episode seines Blogs eine Etappe an der Düssel entlang zu flanieren.

Die idealen äußeren Bedingungen für eine Wanderung?

Jedes Wetter, jede Tages- und Jahreszeit hat ihre Reize. Aber ich trotze auch nicht zu jeder Zeit jedem Wetter. Manchmal mag ich es einfach warm und trocken zuhause.

Selbst vor Nachtwanderungen hast du nicht halt gemacht. Wie kam es dazu? Und wo warst du unterwegs?

Mein zweiter Vorsatz für 2016 war, eine Nacht pro Monat draußen zu verbringen. Damit war nicht unbedingt Wandern gemeint, auch eventuell Jäger auf der Pirsch oder dem Ansitz zu begleiten, am Lagerfeuer zu campieren, draußen zu übernachten oder in der Natur zu feiern. Diesen Vorsatz habe ich zwar nicht vollständig umgesetzt, aber begonnen habe ich mit zwei nächtlichen Wanderungen. Die eine führte rheinabwärts bis Kaiserswerth, dann über Kalkum und Angermund bis nach Duisburg-Rahm, von dort früh morgens mit der S-Bahn zurück nach Düsseldorf. Die zweite war eine Nachtwanderung von Mitternacht bis ca. 5 Uhr morgens im Sauerland durch die Homert von Serkenrode bis Plettenberg. Knapp 25 Kilometer bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das war übrigens auch die längste Strecke, die ich 2016 am Stück zurückgelegt habe. Und das in einer sternenklaren Mondnacht. Ein traumhaftes Erlebnis, völlig allein unterwegs, keine Begegnungen, weitgehend absolute Stille.

Beschreibe bitte, was das Wandern mit dir macht!

Kreativität fördern, Neugier und Entdeckergeist befriedigen, Perspektiven eröffnen, Blickwinkel verändern, Geist entspannen, manchmal einen fast meditativen Zustand erreichen, Aufmerksamkeit steigern, Ausdauer verbessern, um nur die prägnantesten Effekte zu nennen. Ich lerne auch viel. Darüber, wie viel Essbares im Volksgarten wächst oder wie viele Vogelarten dort leben. Beeindruckend ist immer, die Bussarde über dem Friedhof Stoffeln zu beobachten.

2016 hat es ja gut geklappt mit dem Umsetzen deiner Vorsätze. Was hast du dir für 2017 vorgenommen?

Das Erreichte möchte ich erst mal nicht noch weiter steigern. Ich versuche ein ähnliches Ergebnis auch für 2017 anzupeilen. Wichtiger ist mir eine Intensivierung des Erlebnisses an sich. Ich möchte die an meinen Wegen gelegene Umgebung noch bewusster entdecken, das ”von A nach B” noch kreativer abwandeln, Umwege gehen, mich “verlaufen”, vielleicht ein wenig meditativer unterwegs sein, meine Bewegung und meine Haltung verbessern, also konzentrierter gehen. Alles in allem möchte ich eher die Qualität als die Quantität erhöhen.
Vielleicht versuche ich mal 42 Kilometer an einem einzigen Tag zurückzulegen.

2 Responses to “„Zu Ikea gewandert“ – Interview mit Ralf Neuhäuser”

  1. Dr. Cornelia Riechers

    Toller Bericht und herzlichen Glückwunsch an dich, Ralf, dass du dein anspruchsvolles Ziel erreicht hast! Liebe Grüße und toi-toi-toi fürs neue Jahr! Cornelia Riechers

    Antworten
  2. Ralf Neuhäuser

    Herzlichen Dank, liebe Alexandra, für die Einladung in Dein Blog! 🙏🏻💐
    Schön, dass Du meinen resümierenden Facebook-Post so schön aufgegriffen hast.
    Es hat Spaß gemacht, noch etwas mehr ins Detail zu gehen und die rund zweitausendachthundert Kilometer in Gedanken Revue passieren zu lassen.
    Liebe Grüße und hoffentlich bis bald bei einem Deiner Rundgänge durch Oberbilk
    Ralf

    Antworten

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