Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Ingo Toben im Interview – „Die Jugendlichen sind gar nicht vor Ort“

Foto: Kamila Kurczewsk

Ein Tablet, ein Regenschirm und eine Taschenlampe. Das sind die drei Utensilien, die die Teilnehmer des Stadtrundgangs „Mazing Cities“ mit auf den Weg bekommen. Verantwortlich für das Projekt, das am 22.10. Premiere hat, ist der Düsseldorfer Regisseur Ingo Toben. Er hat in diesem Fall mit Jugendlichen aus Düsseldorf und Helsinki zusammengearbeitet. Letztere haben den hiesigen Rundgang konzipiert – allerdings ohne jemals in der Stadt gewesen zu sein. theycallitkleinparis spracht mit Ingo Toben über diesen ungewöhnlichen Ansatz.

Du arbeitest seit 2001 als freiberuflicher Regisseur. „Mazing Cities“ ist jetzt deine erste internationale Zusammenarbeit. Wie kam es dazu?

Das Madhouse Helsinki macht gemeinsam mit dem Goethe-Institut Helsinki ein mehrjähriges internationales Transgenerationenprojekt und sie haben mich für die Zusammenarbeit mit finnischen Jugendlichen in diesem Jahr angefragt.

Goethe-Institut kenn‘ ich. Aber was ist das Madhouse Helsinki?

Madhouse ist ein Zentrum für zeitgenössische Performance in Helsinki. Unter diesem Namen haben sich mehrere Gruppen zusammengeschlossen, unter anderem die von Annika Tudeer geleitete Tanztheatergruppe OBLIVIA.

Mazing Cities“ ist eine Stadtführung. Finnische Jugendliche führen die Besucher durch Düsseldorf. Dabei haben sie die Stadt nie zuvor besucht. Wie funktioniert das, woher beziehen sie ihre Informationen?

Sie beziehen ihre Informationen entweder aus dem Internet, also allgemein zugänglichen Quellen, oder aus Kollaborationen mit anderen Teilnehmern des Projekts. Letztere sind auch internetbasiert also via Skype, Mail und so weiter kommuniziert worden.

Und die Jugendlichen sind auch gar nicht vor Ort, also in Düsseldorf, oder? Genauso wenig wie die Düsseldorfer Jugendlichen, die gleichzeitig durch Helsinki führen, in der finnischen Hauptstadt sind.

Ja genau. Die Jugendlichen sind gar nicht vor Ort, In „Mazing Cities“ thematisieren wir die Frage, welche Bedeutung der Ort für uns heute hat, welche Rolle es in Zeiten des Internets spielt, ob man ausgerechnet in dieser Stadt ist und nicht in einer anderen.

An was für Orte werden die Besucher gebracht?

Das möchte ich hier jetzt nicht en Detail verraten. Die Orte liegen ausnahmslos in den Stadtteilen Rath und Mörsenbroich. Sie haben stets mit den Geschichten zu tun, die die Jugendlichen erzählen. Entweder weil die Geschichten explizit diese Orte behandeln oder sie von uns als assoziativer Rahmen für die Performances gewählt wurden. „Mazing Cities“ ist ja vor allem eine Sammlung von Geschichten, die in einer Stadt spielen, die die Autoren nicht kennen. Bram Stoker hat übrigens auf einer ähnlichen Grundlage auch „Dracula“ geschrieben. Allerdings ohne das Internet als Recherche-Pool.

Wie bewegt man sich durch die Stadt, per pedes?

Ja, zu Fuß. Unsere Besucher bekommen aber zusätzlich zum Tablet noch einen Regenschirm und eine Taschenlampe mit auf den Weg.

Die Frage, die am Anfang der Arbeit mit den Jugendlichen aus Helsinki und Düsseldorf stand, war folgende: Wie verändert die digitale Welt des Internets die Wahrnehmung in der Stadt? Zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?

Die Zugänge der Düsseldorfer Jugendlichen sind völlig unterschiedlich zu denen der Jugendlichen aus Helsinki. In Helsinki arbeiten wir ausschließlich mit Geflüchteten aus Afghanistan und Kurdistan. Für sie ist Helsinki das Ende einer dramatischen und traumatisierenden Reise. Diese Erfahrungen prägen auch ihre Recherchen und Geschichten in diesem Projekt. Die Düsseldorfer Jugendlichen hingegen haben ganz andere Interessen im Internet. Entertainment spielt eine große Rolle. Das bestimmt auch sicherlich die Geschichten, die sie über Helsinki erzählen.

Mazing Cities: 22., 25., 26., 28.+29.10., jeweils 18 Uhr, Münsterstr. 477 (S-Bahnhof Rath-Mitte), Düsseldorf, Anmeldung unter cynthia.schuetze@fft-duesseldorf.de

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