Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Frank Pessel alias Fränkie Disco im Interview – „Fliegen lernt man nicht auf dem Tankstellenflachdach“

Fränkie Disco vor 15 Jahren, Foto: privat

Vor 15 Jahren gründeten Johnny Bauer, Ronaldo Ramone, Andi Rockrakete und Fränkie Disco die Brause. Auch nach ihrem Rückzug aus Reihe eins haben die Vier das Feiern nach eigenen Angaben nicht verlernt. Das wollen die grauen Eminenzen der landeshauptstädtischen Subkultur beweisen, indem sie noch einmal für eine Woche die ehemalige Tankstelle bespielen. theycallitkleinparis sprach mit dem Gottvater der Finkenwurst, Fränkie Disco.

Vor 15 Jahren hast du zusammen mit Johnny Bauer, Ronaldo Ramone und Andi Rockrakete die Brause gegründet. In drei Sätzen: Wie haben sich Bilk, die Stadt und ihre Kulturszene in den anderthalb Dekaden verändert?
Eine Stadt funktioniert wie ein Großkonzern: Marketingabteilungen und Projektentwickler denken sich Fantasie-Namen für irgendwelche Nonsens-Quartiere aus. Diese anthrazitfarbenen Schuhkartons füllen sie dann mit DINKs. Die wollen auch Kultur, am liebsten authentisch. Und Fleischboutiquen. Das zeichnete sich aber schon vor über zehn Jahren ab. Die Stadt ist ja schon länger nicht unattraktiv. Entwicklungen macht man bedingt auch mit, versucht sie auszuhalten. Aber manchmal muss einfach der Kragen platzen. Wir hatten den Arkadenprinz, Aristokratie war nie unser Ding. Aber an dem konnte man sich wenigstens reiben. Der heutige Kopf ist doch geradezu weichgespült. Man ist Stadt(teil) mit so einem Verein. Schmuckgut im Glanzprospekt des Stadtmarketing, Hassgut beim OSD. Irgendwas zwischen leicht gentrifiziert und stark elektrifiziert. Mit Metzgerei Schnitzel e. V. wollten wir die Möglichkeit schaffen, eine unkommerzielle und kritische Haltung gegenüber dem öffentlichen Kulturbetrieb in die Tat umzusetzen und freie Kunst zu betreiben, ohne anderen Maßstäben als den eigenen verpflichtet zu sein. Das war unser Manifest. Das haben wir gelebt. Auch mit einer gewissen Arroganz. Diese schwammigen sieben Thesen zur Off-Kultur hätten wir jedenfalls nie unterschrieben! Ob die Generationen nach uns das kopiert und/auch umgesetzt hat? Ja und nein! Ist aber auch egal, es sollte ja was Eigenes her. Außerdem haben wir uns immer mit dem Thema ‚Wie funktioniert eine Stadt?‘ auseinandergesetzt. Immer kritisch, und wir haben uns nie gebückt. Das war eine klare Haltung. Fast zeitgleich starteten auch die Brüder im Geiste vom damenundherren e. V. Auch die leben noch. Wenn auch mit gewechseltem Vereinskopf. Bilk und Friedrichstadt hat es gut gemeint mit uns bunten Knalltüten. Und wenn du mich fragst: Die Stadt sollte das Haus Kolvenbach im Südpark sanieren und nicht nur temporär damenundherren zum Bespielen überlassen. Das ist nämlich ein guter Platz für Radau.

Wann habt ihr euch aus dem operativen Geschäft zurückgezogen?
Das war ein schleichender Prozess. Der harte Kern hatte schon länger überlegt, wie und an wen und ob der Kulturstaffelstab weitergeben werden sollte. Die Brause wurde ja größtenteils auch nur noch von pünkigen Kulturrentnern aufgeschlossen. Wir haben Programm für uns selber gemacht. Das hat Spaß gemacht, aber irgendwann fehlte der Pfeffer und nicht jede Idee war auch wirklich messerscharf zu Ende gedacht und geil. Bisschen wie Otto, der natürlich auch noch Hallen füllt. Die nächste, frische Generation sollte dann alleine losfliegen. Parallel mit zwei Spitzen ging das nur in der kurzen Übergangszeit. Es gab auch Stimmen im Verein, die dafür plädierten, die ganze Sache in Würde zu beenden, die Erinnerungen im Herzen zu tragen und die Brause in der Toilette mit transparentem Spülkasten runter zu spülen.

Was habt ihr in der Folge gemacht, an euren Karrieren gefeilt?
Wir spielen keine Rolle. Alles für den Verein. Erfahrungen sollte und muss man selber sammeln. Fliegen lernt man nicht auf dem Tankstellenflachdach. Klar war die Brause, der Verein, etabliert. War vom Backoffice ordentlich aufgeräumt und spitze organisiert, eine funktionierende, subkulturrelle Infrastruktur. Die Next Generation hatte es einfacher. Das Haus war ja schon irgendwie gebaut, da ist der Einzug schnell erledigt. Das Ding ist heute wieder voll. Wird aber schon von der dritten, fast vierten Generation bespielt. Also war das damals die richtige Entscheidung, weitermachen zu lassen. Aber von ein paar Sachen und Menschen bin ich rückblickend doch stark enttäuscht.

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Frank Pessel heute, Foto: privat

Der Enttäuschung zum Trotz: Bei dir scheint der Karriere-Plan ja komplett aufgegangen zu sein. Gerüchte besagen, du lebtest in einem feudalen Loft in Friedrichstadt. Ist das noch Punkrock?
Das Loft ist eine Vision, die langsam Formen annimmt. Wenn es fertig ist, wird es irgendwas zwischen nachhaltigem Vogelhaus und Friedrichstadtpalast, aber weit weg von anthrazitfarbenen Schuhkartons. Ich bleibe authentisch. Die Dusche wird jedenfalls keine Pissrinne sein und eventuell reinigt ein warmer, pulsierender Wasserstrahl nach dem Geschäft meinen Arsch. Das wäre dann wieder Punkrock.

Anfang September gestaltet ihr, die grauen Eminenzen der Brause, noch mal für eine Woche das Programm in der alten Tankstelle. Derartige Veranstaltungen neigen zu einer Melange aus Nostalgie und Rührseligkeit. Liegen Fotoalben und Taschentücher schon bereit?
Wir haben nie flennen müssen, auch nicht vor Rührung. Wir haben uns immer selbst gefeiert, auf die Schulter genommen und auch drauf geklopft. Wir haben das Feiern nie verlernt. Ist wie Fahrradfahren. Einfach wieder in die Pedale treten und los geht‘s. Die Woche wird dynamisch sein. Ich will mich wie früher auch überraschen lassen. Einen Rahmen haben wir gesteckt. Gefüllt kriegen wir den schon. Und wenn es nicht funktioniert, nicht schlimm. Auch das Scheitern kann gemeinsam schön sein.

Einen Abend widmet ihr dem Bunte-Liga-Team Blau Blau Brause. Es wird allerdings nicht gekickt, sondern nur gefachsimpelt. Wie ist es im Jahr 2016 um die körperliche Verfassung der trinkfesten Kicker bestellt?
Diese Frage sollte man Trainerfuchs Mattes und allen Aktiven stellen. Ich hab meinen BBB-Schal vor zwei Jahren verschenkt.

Der Verein, der hinter der Brause steht, heißt Metzgerei Schnitzel e. V. Nun gibt ja eine Metzgerei in Zeiten militanten Veganertums ein mindestens ebenso gutes Feindbild ab wie zu eurer Zeit der Arkadenprinz. Wurde jemals über eine Umbenennung diskutiert?
Der Name war nie wichtig. „Elektrofachgeschäft Rasierapparat” hätte bestimmt genauso gut funktioniert. Das Vereinslokal Brause war ja später in aller Munde. Und die Buchstaben waren ein Zufallsfund im Müll. Der Verein wurde ja nur für die Juristen und für den Staat gebaut. Mit bunten Inhalten haben ihn die Mitglieder gefüttert. In der Finkenwurst war auch kein Fink drin, nur grob gewolftes Rabenfleisch.

Wo wir schon beim Veganertum sind: Du arbeitest momentan an deinem zweiten Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde, mit der kürzesten veganen Bratwurst der Welt.
Das war nur ein Scherz im Pressetext. Ein Rekord mit Nahrungsmitteln pro Leben reicht. Wenn man ein bisschen recherchiert, scheint unser Rekord aus dem Jahr 2010 immer noch Bestand zu haben: The longest vegetarian sausage measured 101 m (331 ft 4 in) and was achieved by Metzgerei Schnitzel e. V. (Germany) in Dusseldorf, Germany, on 8 May 2010. The long sausage was barbecued entirely in one piece. Den weltgrößten Tofuwürfel haben übrigens die Chinesen gebaut.

Welchen legendären Brause-Abend wirst du noch auf dem Sterbebett erinnern?
Die heilige Nacht der Museen mit der weißen Madonna aus Unterbilk, wo wir 2008 zwischen Ostern und Pfingsten die Brause zu einem Wallfahrtsort machten. Mit Polyurethan-Schaumwundergrotte, Mess(e)-Weinverkostung und Original Lourder Gulaschkanone, pisum sativum sopa mit Rosenkranzeinlage.

11.9., 14 Uhr, Kaffeepunk um Zwei mit Inga

14.9. , 20 Uhr, „Ich seh in 3-D“, Ausstellung 3-D-Fotografie von Anika Potzler + DJ Döfken & DJ Döfken

15.9., 20 Uhr, „Pop & Politics“ mit Lars und Jonny

16.9., 20 Uhr, „Blau-Blau-Brause“-Abend

17.9., 20 Uhr, „Zurück zum Schnitzel“, Retro-Ausstellung, Filme, Bands, Plattenteller & Party

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