Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

theycallitkleinbukarest #10

Lina, Foto: Alexandra Wehrmann

Begegnungen

Ich hatte noch nicht zum ersten Mal Wasser gelassen auf rumänischen Boden, da war ich schon um eine nette Begegnung reicher. Eine Dame, die in Cluj geboren war, aber schon lange anderswo lebte. In Düsseldorf, in Kanada, bald in Münster. Sie war mit dem gleichen Flieger gekommen. Während wir anstanden, um uns zu erleichtern, empfahl sie mir Museen und Restaurants in Bukarest. Das Caru‘ cu Bere zum Beispiel, ein Brauhaus, das anmutet wie eine Kathedrale, so prächtig, wie wir es noch nicht gesehen hatten. „Aber passen sie auf wegen der Zigeuner“, warnte sie. Ich zuckte unweigerlich zusammen, in der Heimat traute man sich schließlich kaum ein Zigeunerschnitzel zu bestellen oder Alexandras Gassenhauer „Zigeunerjunge“ mitzusingen. So ging es also los mit den Begegnungen und viele andere sollten folgen. Die mit Vlad, der hieß wie jener Fürst, der das Vorbild für die Dracula-Geschichte lieferte. Vlad nahm uns am Rande der Bukarester Altstadt in Empfang, von seiner Freundin hatten wir über AirBnB ein Apartment gemietet. Er wirkte, als habe er die vergangenen Monate in New York verbracht, so gut war sein Englisch, so weltmännisch trat er im Vergleich zu uns auf. Ob er Verständnis dafür hatte, dass wir ausgerechnet ins Donaudelta reisen wollten? Schwer zu sagen. Sein Kommentar stellte sich jedenfalls im Nachhinein als sehr wahr heraus: „It‘s in the middle of nowhere.“ Aber so was von… Eben dort, also mitten im Nichts, trafen wir Kati und ihre Enkelin Lina. Letztere ein zauberhaftes, aufgewecktes Kind von sieben Jahren, die ein Reisetagebuch führte, in das sie Pelikane, Störche und Fledermäuse malte. Lina war Sachensucherin. Wie Pippi Langstrumpf. Und wie die Lindgren-Heldin fand sie unglaubliche Dinge. Ein Ohr, von dem wir vermuteten, das es von einer Kuh stammte. Einen Schädel von einem – auch das eine Vermutung – Marder. Letzteren wollte sie partout mit heim nehmen. Ein Zahn des Gebisses war bereits locker und Lina machte sich einen Spaß daraus, ihn rauszunehmen und wieder einzusetzen. Vielleicht wird sie ja mal Zahnärztin. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie Ornithologin wird. Lina werden wir jedenfalls ebenso wenig vergessen wie jene Supermarkt-Kassiererin in Sighişoara, die optisch an Cindy aus Marzahn gemahnte. Blonde gesträhnte Dauerwelle. Grelle Schminke. Ihr voluminöser Oberkörper steckte in einem Sweatshirt mit der Aufschrift „Profi“ (So hieß übrigens der Supermarkt. Die Supermärkte haben in Rumänien oft sehr seltsame Namen. In Bukarest fanden wir zum Beispiel einen, der „Angst“ hieß, ein anderer firmierte unter „Mega Image“; aber das nur am Rande). Die rumänische Cindy wirkte zunächst ein wenig grummelig, aber als wir an der Reihe waren, hellte sich ihre Miene auf. Allein an unserem Einkauf (eine 1,5-Liter-Flasche Wasser und ein Eis) waren wir unschwer als Touristen auszumachen. „English or Deutsch“, fragte daraufhin der Cindy-Verschnitt. Wir gaben uns zu erkennen und regelten den Rest des Geschäfts auf Deutsch. Zum Abschluss warfen wir dann eins der wenigen rumänischen Worte in die Waagschale, das wir uns merken konnten. Es heißt „Mulţumesc“ und bedeutet Danke.

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