Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

theycallitkleinbukarest #7

Foto: Alexandra Wehrmann

Jetzt aber mal langsam

Rumänien und die Zeit – auch so eine Geschichte. Zunächst mal erscheint das Land – außerhalb der großen Städte jedenfalls – wie eine Zeitreise. In die Vergangenheit. Mindestens 60, 70 Jahre. Waren wir in ländlichen Regionen, bemerkte mein Begleiter mehr als einmal: „Ich glaube, du bist die einzige Frau hier, die kein Kopftuch trägt.“ In der Tat ist das Tragen eines solchen ab einem gewissen Alter (50 könnte die Schallgrenze sein) sehr verbreitet. Gerne kombiniert man es mit einem Kittel und mit Schlappen oder Pantoffeln. Die Damen muten ein bisschen an wie hier einst die Trümmerfrauen. Und dazugehörige Trümmer gibt es auch genug. Überall in Rumänien findet man verfallene Häuser. Angefangene Häuser, die über eine Etage verfügen, aber aus irgendwelchen Gründen dann nicht fertiggestellt wurden. Sogar ein Haus, bei dem eine Seitenwand gänzlich fehlte, sodass man in die noch komplett eingerichteten Wohnräume schauen konnte. Selbst die Bilder hingen noch an der Wand. Das Ganze sah aus wie ein lebensgroßes Puppenhaus. Um sich über Derartiges zu wundern, hat man viel Zeit als Tourist in Rumänien. Zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Reisen mit Bus oder noch mehr Zug ist die pure Entschleunigung. Der Schnellzug von Braşov nach Sighişoara etwa benötigt für die Strecke von 115 Kilometern zweieinhalb Stunden. Und das nennt man in Rumänien schon eine optimale Verbindung. Hätte man den normalen Zug genommen, wäre man mit einmal Umsteigen über vier Stunden unterwegs gewesen. Die Einheimischen ertragen all das mit einer stoischen Gelassenheit, die wir auch an Busbahnhöfen beobachten konnten. In Sibiu zum Beispiel. Warten auf den Bus nach Bukarest. Es regnet in Strömen. Der Bahnhof, eher eine Art Parkplatz, verfügt nur über ein kleines provisorisches Dach, unter dem sich die Wartenden drängeln. Bus soll laut Plan um 10:55 Uhr kommen. 11 Uhr: Ein Bus fährt ein. Ein Schild auf der Frontscheibe weist Bukarest als Ziel aus. Fahrer (extrem übellaunig) steigt aus und verschwindet in Richtung des Cafés auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wird in der Folge nicht mehr gesehen. Eine weitere halbe Stunde vergeht. Der Regen wird stärker, immer mehr Leute sammeln sich unter dem provisorischen Dach. In Deutschland wäre längst die Revolution ausgebrochen. In Rumänien bleibt man gelassen. Man ist sich sicher: Irgendwann kommt ein Bus. Und so ist es dann auch. Mit fast 40 Minuten Verspätung. Wie sagt der Rumäne in solchen Fällen? So what?

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