Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Markus Ambach im Interview – „Sind wir noch Akteure in diesem Raum?“

Foto: Lucas Zimmermann

Was macht eine Mönchengladbacher Ausstellung in einem Düsseldorf-Blog? Ganz einfach. Der Kurator lebt in der Landeshauptstadt. Markus Ambach. Schon viele Jahre arbeitet er mit dem Museum Abteiberg zusammen. Sein jüngster Streich trägt den Titel „Von den Strömen der Stadt“ und erfreute sich gleich zum Start größter Beliebtheit. Zur Eröffnung kamen über 1000 Gäste.

Anfang Juli hat im Museum Abteiberg die von Susanne Titz und dir kuratierte Ausstellung „Von den Strömen der Stadt“ eröffnet, die wiederum Teil des Langzeitprojekts „Ein ahnungsloser Traum vom Park“ ist. Kannst du letzteres mal in drei, vier Sätzen umreißen?

Das Projekt „Ein ahnungsloser Traum vom Park“ beschäftigt sich seit dem Jahr 2012 mit dem städtischen Umfeld des Museums und dem gesamten Abteiberg als kulturellem Ensemble. Es fragt nicht nur nach der Einbindung des Museums in diesen Raum, sondern versucht, die verstreuten städtischen Segmente wie Hans-Jonas-Park und Skulpturengarten, Sonnenhausplatz und Hindenburgstraße, aber auch deren Akteure wie Jugendzentrum STEP und VHS, Minto und die Anwohner miteinander zu verknüpfen. In einem langfristigen Prozess, den ich als „situative Stadtentwicklung“ durch Kunst und Kultur beschreiben würde, entstehen künstlerische Arbeiten für diesen Raum, aber auch stadtplanerische Initiativen und zahlreiche Veranstaltungen zusammen mit den Akteuren.

Die Ausstellung selber möchte den heutigen Zustand von Öffentlichkeit untersuchen. In der Pressemitteilung klingt das sehr komplex. Um welche Fragestellungen geht es euch genau?

Wesentlich ist wohl die Frage danach, ob wir heute beim Thema Öffentlichkeit noch über diese als gemeinschaftlichen, zwischen allen geteilten Raum der Gesellschaft sprechen, oder ob diese Öffentlichkeit nicht längst vielmehr zum Spielfeld der Ökonomie, der Einzelinteressen und der Selbstdarstellung einzelner „Ich-AGs“ geworden ist. Ist diese Öffentlichkeit also noch Gemeinschaftsraum oder der Ort einer nahezu zwanghaft erwarteten Selbstdarstellung und Selbstveröffentlichung, der die Individuen unterworfen sind? Sind wir noch Akteure in diesem Raum oder vielmehr Darsteller unserer selbst in einer Art Dauerperformance unseres Lebens? Wenn es da einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Themenfeld des Öffentlichen gegeben hat, müssen natürlich auch die Legitimationen, die sich aus der früheren Position ergeben haben, überprüft werden. Es stellt sich natürlich auch die Frage, wo sich Rest- und Rückzugsräume, Oppositionen oder Widerlager finden, die sich dieser Totalität des Öffentlichen in Social Media und Netzwerken entgegenstellen oder sie subtil infiltrieren, transformieren. Wo sind zum Beispiel Räume für so etwas wie Intimität oder Unsichtbarkeit, das Fremde oder das „Andere“ bei so viel Rampenlicht?

Man spricht dieser Tage viel über Kunst im öffentlichen Raum und deren Bedeutung für Stadt und Gesellschaft. Und gerade du als Kurator hast mit Projekten im Außenraum ja auch viel Erfahrung. „Von den Strömen der Stadt“ findet nun im klassischen Innenraum statt. Warum?

Ich beobachte seit langem, dass sich gerade eine junge Generation auch kritisch zum Thema der „Kunst im öffentlichen Raum“ positioniert. Das liegt natürlich daran, dass diese sich weiterhin relativ klassisch gibt, oft im Verdacht der „Auftragskunst“ steht und sich im Wesentlichen im Rahmen von Erinnerungskultur oder Kunst am Bau abzuspielen scheint. Auch wenn das längst nicht mehr stimmt und viele Projekte da vollkommen neue Wege gehen – und das würde ich für meine hier mal in Anspruch nehmen – dringt doch weniges davon in die klassischen Kunstarenen vor. Trotzdem interessieren sich dort auch junge Künstler für urbane, politische und gesellschaftliche Themen als Arbeitshintergrund und setzen diese in manchmal fast klassischen Formaten wie Fotografie, Film und Enviroment um, um sie im klassischen Ausstellungskontext zu diskutieren. Das fanden wir spannend, auch um diese Diskurse wieder in die Institution zu holen, um eine Brücke zu schlagen zwischen den beiden Praktiken kontextbezogener Kunst im öffentlichen Raum und dem Öffentlichen als Arbeitshintergrund.

Die Künstler, die ihr für die Ausstellung eingeladen habt, sind alle unter 35. Warum habt ihr euch für diese Altersgruppe entschieden? Was glaubst du, wie nehmen sie Öffentlichkeit – im Vergleich zu z. B. deiner Generation – wahr?

Uns war es wichtig, gerade das politische und gesellschaftliche Interesse einer jungen Generation zu zeigen, die auch einer ästhetischen Praxis sehr verbunden ist. Entgegen den dauernden Mutmaßungen einer Entpolitisierung dieser Generationen fragt die Ausstellung am Beispiel des Öffentlichen vielmehr danach, wie sich das Politische an sich vor dem Hintergrund elementarer historischer Änderungen transformiert hat. Wie sehen die jungen Generationen heute so ein Feld angesichts einer Totalität des Öffentlichen gerade in den neuen Medien und wie gehen sie damit um? Das fragt natürlich auch danach, wie diese junge Generation an der Gestaltung jener Zukunft beteiligt ist, in der sie leben wird. Die aktuell regierenden Generationen, die weitgehend Ü50 sind, scheinen weiterhin mehr auf einer Erbschaftsfolge der Macht zu beharren, anstatt darüber nachzudenken, wie man die Aktualisierungsintervalle unserer Gesellschaft beschleunigen kann. Aktuell versaut im Brexit ein großer Teil der Generation Ü65 durch Blindheit und Egoismus der britischen Jugend ihre Chance in Europa. Ich denke, wir müssen uns fragen, wie wir aus der jeweils egomanischen Perspektive wieder zu einem generationsübergreifenden Gespräch kommen, in dem alle gemeinsam über die Zukunft nachdenken.

Die Schau umfasst Arbeiten von mehr als 20 Künstlern. Wie gehen sie das Thema künstlerisch an, kannst du das mal an zwei, drei Beispielen erläutern?

Die Vielfältigkeit und Heterogenität der künstlerischen Positionen zu den Fragen ist sehr groß und mir besonders wichtig. Ich greife mal eines der vielen Themen heraus, um das zu zeigen. Positionen wie die von Pola Sieverding fokussieren die Akteure der Stadt und des gesellschaftlichen Raums und fragen nach ihrem Verhältnis zum Öffentlichen. Sie macht einen weiten Bogen auf, der in der Moderne beginnt und in seiner Komplexität in eine Art Post-Postmoderne führt, was gerade in diesem Gebäude Hans Holleins sehr spannend ist. Der auch kritische Ansatz, in dem bei ihr jene Teilgesellschaften fokussiert werden, die – ohne Besitz am realen Raum zu haben – in diesem agieren und die Stadt zur Bühne der Handelnden und eben nicht der Besitzenden transformieren, steht eine scheinbar totale Affirmation bei Britta Thie gegenüber. Die Künstlerin bewegt sich in ihren 1000 Charakteren wie Cinderella durchs aktuelle Wunderland von Facebook und Celebrity, Heimat und Globalisierungsapotheose, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung. Dass in der subtil artikulierten Ununterscheidbarkeit von Modellkarriere und Kunstarbeit, Schauspiel und Freundschaftsprojekt jene Person nicht mehr auszumachen ist, die sich hier über die Maßen selbst inszeniert, bietet vielleicht einen neuen Rückzugs-Raum der Intimität, in dem die Künstlerin weitgehend unerkannt selbst verschwindet: ein äußerst überraschender Vorschlag. Andere Positionen wie die von Fari Shams gehen demselben Phänomen in analytischer, fast wissenschaftlicher Weise nach und fragen nach dem Zustand des Selbst jenseits der Repräsentation. Ganz weit vorne greift sie – schon im Paradies-Garten – dessen Spur auf, um sie bis an jenen Punkt zu verfolgen, wo es nur noch wahrgenommen wird, wenn es sein Publikum findet. In der Frage, ob die Welt noch existiert, wenn sie ihr Publikum verloren hat, kulminiert die reale Existenz im Blick des Anderen, um das Selbst wiederum als Objekt zu konstituieren: als freies, unabhängiges und wiederum souveränes Objekt der Begierde jenseits des Öffentlichen.

Im Begleitprogramm der Ausstellung ist am 10. September der Film „Single“ über den von Alex Wissel initiierten Single Club zu sehen. Im Anschluss führt Wissel durch das Mönchengladbacher Nachtleben. Klingt nach einem Gang über die Waldhausener Straße. Oder was erwartet die Besucher?

Da lasse ich mich selbst überraschen, denn obwohl ich seit Jahren mit dem Museum zusammenarbeite hatte ich noch nie die Zeit und Muße, in das Gladbacher Nachtleben abzutauchen. Aber es ist ja bekanntlich eine gute Sache, sich einmal einem anderen anzuvertrauen und seiner Spur zu folgen. Und die von Alex Wissel garantiert sicher einen unkonventionellen wie spannenden Blick, der übrigens ganz kontextbezogen von dem vieler Locals geprägt wird, die sich an der Tour beteiligen.

Am Wochenende darauf wird dann der Sonnenhausplatz mit Rita McBrides Installation „Donkey‘s Way“ feierlich eröffnet. Die sieben bronzenen Esel hatten im Vorfeld ziemlichen Gegenwind. Haben sich die Gemüter in Mönchengladbach mittlerweile wieder beruhigt?

Absolut und im Gegenteil: Die Gladbacher haben sich mit viel Charme und Engagement mit dem Thema und der Arbeit beschäftigt und das ging von den Fragen aus, die sie im städtischen Raum stellt. Etwas Besseres kann man sich kaum wünschen, denn Kunst taucht ja nicht im Stadtraum auf, um gleich wieder vergessen zu werden. In diesem Sinne hoffe ich, dass der Wind noch möglichst lange anhält und die Gladbacher weiter so engagiert mit der Arbeit umgehen, wie sie das bisher getan haben.

„Von den Strömen der Stadt“: bis 23.10. Museum Abteiberg, Abteistr. 27, Mönchengladbach; Di-Fr 11-17, Sa+So 11-18 Uhr

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