Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet“ – Interview mit Ewert Nitschke

Foto: Ewert Nitschke /


Sie haben unzählige Briefe verschickt an diejenigen, die für die hohen Zäune um Europa herum verantwortlich sind. Aber geantwortet hat bis heute niemand. Thilo Sarrazin nicht. Die EU nicht. Und sonst auch keiner. Ewert Nitschke, so nennen sich die Versenderinnen der Briefe, macht das nichts aus. Sie werden auch in Zukunft weiterschreiben. Beim Asphalt Festival sind ihre gesammelten Schriftstücke nun als Teil einer performativen Kunstinstallation zu erleben. theycallitkleinparis hat mit den beiden Bochumerinnen gesprochen.

Ihr studiert beide Szenische Forschung an der Bochumer Ruhr-Uni. Was darf man sich darunter vorstellen?

Die Szenische Forschung an der Ruhr-Uni verortet sich zwischen Kunst und Wissenschaft. Besonders toll an diesem Studiengang ist, dass er danach fragt, was Theater alles sein kann und außerdem versucht neue künstlerische Strategien zu etablieren. Wir haben uns im Studiengang kennen gelernt und unser Alter Ego Ewert Nitschke ist vor zwei Jahren für unser erstes Projekt „Absagen an Krieg“ geboren worden. Wir arbeiten jetzt losgelöst von unserem Studiengang, den wir beide ohnehin sehr bald beenden werden.

Eure Arbeit „Absagen an die Festung Europa“ ist im Rahmen des diesjährigen „Asphalt Festivals“ in Düsseldorf zu erleben. Wie viele Absagen habt ihr denn insgesamt verschickt?

Ewert Nitschke verschickt seit April laufend Absagen an Menschen, die an der Etablierung der Festung Europa beteiligt sind. Der voranschreitende Rechtsruck in Europa und die gleichzeitige Ankunft von vielen geflüchteten Menschen zeichnen ein komplett neues Bild der Stimmung in unserer Gesellschaft. Eine brandaktuelle Auseinandersetzung mit diesem Thema liefert Elfriede Jelinek mit vier Erweiterungen zu ihrem Drama „Die Schutzbefohlenen“. Mithilfe dieser vier Texte namens „Appendix“, „Coda“, „Epilog auf dem Boden“ und „Philemon und Baucis“ untersucht Ewert das tagespolitische Geschehen. In seiner Forschung setzt er den dramatischen Text in Bezug zur Wirklichkeit. Unter jeder unserer Absagen ist ein Zitat aus diesen vier Texten zu finden.

Und wem genau schickt ihr diese Absagen?

Ewert konzentriert sich hier auf unterschiedliche Bereiche. Einmal schaut er was auf europäischer Ebene passiert, auf nationaler Ebene sowie hier in der Region Rheinland. Ewert Nitschke sagt immer ein konkretes Ereignis ab. So hat die Identitäre Bewegung aus Österreich für die gewalttätige Unterbrechung einer Aufführung von „Die Schutzbefohlenen“ eine Absage erhalten. Der Chefredakteur vom „Cicero“ sowie Thilo Sarrazin für ihre rassistischen Aussagen in Artikeln beziehungsweise Sarrazin für sein jüngst erschienenes Buch. Ewert hat der EU für das EU-Türkei-Abkommen eine Absage geschickt genauso wie Olaf Lehne, DRK-Kreisvorsitzender aus Düsseldorf, für seine Aussagen nach dem Brand der Flüchtlingsunterkunft.

Die bekommen also alle Post von euch. Was genau steht in den Briefen?

Die Absagen haben immer dasselbe Muster und orientieren sich an einer klassischen Absage, wie man sie auf eine Bewerbung bekommt. Der mittlere Absatz wird für den Empfänger individuell geschrieben. Der Grund der Absage wird genannt sowie eine Begründung. Jede Absage endet mit einem Jelinek-Zitat, welches zu der abgesagten Handlung passt. Die Absagen werden postalisch verschickt und erscheinen gleichzeitig auf unserem Blog www.absagen.org sowie in sozialen Netzwerken, bei Facebook, Instagram und Twitter.

Und wie fallen die Reaktionen der Angeschriebenen aus? Wie viel Prozent melden sich denn überhaupt zurück?

Bis jetzt hat sich noch niemand gemeldet. Aber dafür werden unsere Absagen in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert.

Es gibt also bisher keine Fälle, in denen ein Briefwechsel, also ein Dialog, entstanden ist? Vielleicht gar ein persönliches Gespräch?

Nicht mit den Angeschriebenen, aber zum Beispiel wurde unsere Absage an die AfD von Gruppen, die die AfD kritisch beobachten, geteilt und von viele Menschen als „gefällt mir“ markiert und diskutiert.

Ohne zu viel zu verraten: Wie wird aus den Briefen eine performative Kunstinstallation?

Indem unsere Aktion in der Ausstellung fortgeführt wird und damit ganze Räume geflutet werden.

Ihr könntet euch ja auch einfach politisch engagieren. Warum habt ihr euch stattdessen für Kunst mit politischer Botschaft entschieden?

Weil man als Künstlerin nun mal Kunst produziert und diese kann eben auch politisch sein.

Ewert Nitschke: Absagen an die Festung Europa: 8.-17.7., ab 18 Uhr, Kapelle, Weltkunstzimmer, Düsseldorf

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