Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Man muss keine Angst vor dem freien Theater haben“ – Interview mit Florian Malzacher

Foto: Robin Junicke /


Zwischen dem 15. und 25. Juni könnte Düsseldorf ganz im Zeichen des Theaters stehen, schließlich ist die Landeshauptstadt zentraler Austragungsort der diesjährigen Impulse. Doof nur, dass man über die ganze Festival-Dauer einen schier übermächtigen Konkurrenten hat: den Fußball. Darüber und natürlich auch über die Inhalte, die das Publikum erwarten, sprach theycallitkleinparis mit dem künstlerischen Leiter Florian Malzacher.

Herr Malzacher, welche Themen treiben die freie Theaterszene 2016 um?

Wie viele andere sind auch viele Künstler über die derzeitige politische und soziale Lage beunruhigt und wollen sich mit ihren Arbeiten einmischen: Manchmal, indem sie quasi dokumentarisch berichten – wie Rimini Protokoll in „Evros Walk Water“ von syrischen Jugendlichen, die in Athen gestrandet sind, oder die COSTA COMPAGNIE von der Situation in Afghanistan nach dem Abzug der deutschen Truppen. Oder indem sie tatsächlich selbst mitmischen wollen, wie der kurdische Künstler Ahmet Ögüt, dessen „Silent University“ für geflüchtete Akademiker wir gemeinsam mit dem Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim gegründet haben.

Wie zugänglich ist ein Theaterbesucher nach einem 10-stündigen Arbeitstag Ihres Erachtens für derart komplexe Themen? Oder anders gefragt: Sehen Sie das Risiko, den Zuschauer zu überfordern?

Es gibt gottseidank viele Leute, die gerade nach Feierabend das Bedürfnis haben, andere, auch künstlerische Erfahrungen, zu machen. Und dass die Themen oft ernst und komplex sind, heißt ja nicht, dass sie nicht auch unterhaltsam sein können. Ich denke, man kann bei vielen Arbeiten im Festival auch Spaß haben!

Wie viele Stunden am Tag setzen Sie sich als künstlerischer Leiter derzeit mit den genannten Inhalten auseinander?

Naja, ein Festival zu machen, ist schon mehr als ein Fulltime-Job. Der allerdings nicht nur aus Kunst und künstlerischen Inhalten besteht, sondern auch aus viel Organisation, Verhandeln, Geld auftreiben und solchen Sachen.

Ist Ihnen nicht zwischendurch mal nach was Profanem? Nach „Die Kochprofis“ oder „Schwiegermutter gesucht“?

Das dann eher manchmal zum Einschlafen in irgendwelchen Hotelzimmern. Ansonsten bevorzuge ich, wie ja viele andere auch, amerikanische Serien …

Das Festivalzentrum ist 2016 in Düsseldorf, die meisten Aufführungen gehen hier über die Bühne. Wie schätzen Sie die Landeshauptstadt als Theaterstandort ein?

Das Schauspielhaus tut sich ja seit langem schwer und nun gibt es auch noch das langwierige Baustellenproblem. Aber ich denke, dass der kommende Intendant Wilfried Schulz das schon in den Griff bekommen wird. Mich interessieren ja eher die experimentellen, freien Produktionen. Und da hat Düsseldorf mit dem FFT und dem tanzhaus NRW ja zwei großartige Institutionen. Auch wenn man dem FFT noch bessere Räume wünschen würde.

Das Motto, das der diesjährigen Impulse-Ausgabe vorangestellt ist, lautet „Start cooking… Recipe will follow“. Wie ist das gemeint?

Das Motto haben wir von Brian Eno geklaut, der damit vor kurzem die Situation beschrieben hat, in der wir uns politisch und gesellschaftlich befinden: Es gibt keine großen politischen Utopien und Theorien, die man einfach anwenden könnte. Aber nichts tun, ist ja auch keine Lösung. Also muss man anfangen zu kochen, also zu handeln – und dann wird sich das Rezept beim Tun schon finden.

Das meistgespielte Stück ist „Evros Walk Water“ von Rimini Protokoll, es wird insgesamt 20 Mal aufgeführt. In drei Sätzen: Worum geht es?

Im Mittelpunkt stehen geflüchtete Kids aus Syrien, die in Athen gestrandet sind und von dort nicht wegkommen – ohne Eltern und Freunde von früher. Da die Jugendlichen aber eben nicht reisen dürfen, können wir sie nur über Kopfhörer hören und übernehmen als Zuschauer quasi ihre Rollen, stellvertretend. Das ist eine sehr schöne, unaufgeregte, natürlich manchmal anrührende, aber oft auch sehr heitere Inszenierung einer der weltweit berühmtesten freien Gruppen.

Angenommen, ich wäre ein Frischling in Sachen Freies Theater. Welche Produktion würden Sie mir zum Einstieg empfehlen?

Grundsätzlich muss man eh keine Angst vor dem freien Theater haben, so hoch sind die Hemmschwellen nicht und so kompliziert ist das meiste auch nicht. Aber man könnte zum Beispiel mit She She Pops „50 Grades of Shame“ einsteigen – da geht es um die Frage, welche Rolle Scham heute überhaupt noch spielt – und um ein ziemliches Geschlechterkuddelmuddel.

Ein Noch-Geheimtipp im Programm, der ganz groß werden könnte?

Oliver Zahn hat mit „Situation mit Doppelgänger“ eben erst seine Abschlussarbeit an der Regieschule gemacht – und ist schon zu Impulse eingeladen. Das ist sicher eine Entdeckung.

Unter dem Motto „Macht Kunst Politik!“ findet eine Veranstaltung im Düsseldorfer Rathaus statt, an der auch Vertreter diverser Fraktionen beteiligt sind. Ich nehme mal an, es handelt sich nicht um eine x-beliebige Podiumsdiskussion? Sondern?

Der Abend wird von Public Movement gestaltet, einer israelischen Gruppe, die immer auf dem schmalen Grat von Kunst und Politik arbeitet. Das wird keine Inszenierung, bei der die Politiker irgendwelche anderen Rollen spielen – aber eine Talkshow oder Podiumsdiskussion ist es auch nicht – sondern mit kleinen künstlerischen Mitteln und sehr großer Vorbereitung mit allen Beteiligten soll einmal richtig deutlich werden, wo die verschiedenen Parteien kulturpolitisch stehen – wo die Unterschiede sind und wie es weitergehen soll mit Kunst und Politik in NRW.

Impulse“ startet am 15. Juni und läuft über die gesamte Festival-Dauer parallel zur Fußball-EM in Frankreich. Wie werden Sie jenen gerecht, die sich für Fußball und Theater interessieren? Oder gibt es diese Schnittmenge nicht?

Na, die Schnittmenge gibt es auf jeden Fall. Wir haben Glück, dass das Festival nicht zum Ende der EM stattfindet – in der Gruppenphase kann man vielleicht ab und an ein Spiel ausfallen lassen. Und zumindest die Deutschlandspiele werden auch bei uns im Festivalzentrum gezeigt – da kann man schön beim Bier draußen sitzen und zuschauen, wenn man aus der Vorstellung kommt. Oder man kann natürlich auch nur dafür kommen.

Sind Sie selber Fußball-Fan?

Kein Fußball-Nerd, aber je nachdem, wie viel Zeit ich habe, schaue ich. Und bei den großen Meisterschaften natürlich sowieso.

Wofür möchten Sie sich unbedingt wieder mehr Zeit nehmen, wenn das Festival vorbei ist?

Ich habe einen einjährigen Sohn, das beantwortet die Frage vermutlich. Abgesehen davon, dass der sich meine Zeit schon selbst nimmt.

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