Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Klang und Farbe unter Tage

Von Feride Mehmetaj

Foto: Markus Eckartz/The Rocket Scientists


 

Der Besuch bei einer Freundin hatte früher geendet als erwartet. Anders als zuerst vermutet, stimmte mich das sogar etwas froh. Und so stand ich im leichten Nieselregen und freute mich darüber, endlich mal wieder Zeit zu verschwenden zu haben. Wobei „verschwenden“ ein wohl eher falsches Wort war. Ich beschloss, „investieren“ vorzuziehen und erfreute mich daran.
Ein paar Schritte ging ich Richtung Kreuzung, als ich eines noch blitzeblanken, leuchtendblauen Schildes gewahr wurde. „Pempelforter Straße“ stand da, nebst dem weißen U auf blauem Grund. U für U-Bahn. Es war kein gewöhnlicher U-Bahnhof. Nicht für mich zumindest, die sich seit jeher für alles, was ein Netzwerk bildete, interessierte. Es war ein Bahnhof der neuen, erst vor wenigen Wochen eingeweihten Wehrhahn-Linie. Neugierig begab ich mich nach unten.
Zwei (Roll-)Treppen lang stieg ich den neuen Eingangsbereich hinab. Menschenleer. Eine angespannte Ruhe lag in der erstaunlich klaren Luft. Unten angekommen, lief ich etwas auf und ab, blieb dann stehen. Klick, klack – regelmäßig und ruhig erklang es linkerhand. Klick, klack. Die Notrufsäule. Ich hatte sie nie zuvor in anderen Bahnhöfen und U-Bahnen in dieser Deutlichkeit wahrgenommen. Mein Blick wanderte etwas nach vorn, nach oben, dann einmal rundherum. Schwarz, weiß, wchwarz, weiß. In unvernünftigem Wechsel gaben sich schwarze und weiße Flächen die Klinke in die Hand. Als wäre eine überdimensionierte Schallplatte in hundert Stücke zerplatzt und an Decken sowie Wänden klebengeblieben. Auch das hatte Takt und Musik. Klick, klack. Die Bahn fuhr ein. Mit der U72 ging es für mich los.

„Schadowstraße“ stieg ich zum ersten Mal aus. Und während ich noch lächelnd darüber nachdachte, wie oft dieser Straßenname falsch ausgesprochen wird, vernahmen meine Ohren etwas, das mein Gehirn noch nicht ganz erfasst hatte. Ich lief ein paar Schritte in Richtung Rolltreppe. Da war es wieder! Ein Geklirre, ein Geklänge. Ich sah die erstaunlich hohen Decken hoch, konnte das Geräusch aber nicht orten. Meine Füße trugen mich noch ein paar Schritte weiter. Dann vernahm ich wieder das Klickklack der Notrufsäule. Ich entfernte mich wieder etwas, um das andere Geräusch wahrnehmen zu können. Dann erblickte ich, was sich als ein musikalisches Schaustück entpuppte. Bild und Ton und Takt ergaben ein etwas unheimliches Spiel. Eine Installation von Ursula Damm, wie ich später irgendwo lesen würde. Ich sah und hörte eine Weile zu. Dann drehte ich mich einmal um die eigene Achse. Eine andere Temperatur hatte dieser Bahnhof. Und nachdem ich das Geheimnis um den seltsamen Klang, das hoch über dem Tunnel thronte, gelöst hatte,  entschloss ich mich dazu, mich wieder Richtung Bahnsteig zu begeben. Mit drei weiteren Personen begutachtete ich das noch saubere Gleisbett. Heller Beton, helle Schienen, sauberes Geröll. Die U73 brauste heran und nahm mich auf.

An der Heinrich-Heine-Allee ließ ich mich wieder ausspucken. Eine wundersame Welt tat sich hier auf. Alles war so taghell, neu, hoch. Ich wollte nachsehen, wie der neue mit dem alten Bahnhof verknüpft worden war. Schließlich gab es hier schon länger eine U-Bahn. Ein schöner Junge mit noch schönerem Lächeln machte mir Platz. Ob er sich vielleicht auch etwas aus U-Bahnen machte? Ein kurzer Gedanke, den ich sogleich abwedelte. Es spielte keine Rolle. Ich setzte meine Entdeckungstour fort. Hier war deutlich mehr los, als in den anderen Stationen. Laut Beschilderung musste ich nach links. Also lief ich mit dem Strom in Richtung des alten U-Bahnhofs und stellte mit Erstaunen fest, dass ich, an dem Knotenpunkt angekommen, zunächst nach rechts gehen und dann eine Rolltreppe nach oben nehmen musste. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst gewesen, wie tief unter der Oberfläche der Stadt die neue Linie verläuft. Ich kam zum alten Bahnsteig und wurde sofort von der düsteren Stimmung eingefangen: Der Boden und die Wände – dunkel. Die Menschen gehetzt. Die Decke hing tief. Mich schauderte es etwas. Ich machte kehrt und fuhr wieder hinab. Weniger Hektik, weniger Trubel, hell und lebendig erschien es mir hier. Paradox, wo der neue Bahnhof so viel tiefer im Erdreich liegt. Selbst die Menschen schienen von anderer Art zu sein als jene, die eine Etage höher warteten und fuhren. Ich beschloss, weiterzufahren. Die U71 fuhr laut Anzeigetafel „sofort“ ein. Mit mir an Bord.

Der Graf-Adolf-Platz zog mich an. Also stieg ich aus. Die Dauerbaustelle von oben hatte ich noch gut in Erinnerung. Sie hätte mich aber nicht im Geringsten erahnen lassen können, was sich unterhalb erstreckte. Eine ganz eigene Welt. Ein Organismus, ein grüner Kosmos, isoliert, in sich geschlossen. Grün war es. Und braun. Verschiedene Erdschichten schienen an den Wänden gestaltet worden zu sein. Ich fuhr mit geschlossenen Augen hoch, um erst auf dem Rückweg die Gestaltung der Wände aufzunehmen. Wie ein Maulwurf grub ich mich mit der Rolltreppe langsam durch ein wundersames Erdreich. Schicht für Schicht brach ich – so schien es zumindest – abwärts. Unten angekommen, ließ ich meinen Blick über die Halle wandern. Ich musste, nicht zum ersten Mal in meinem Leben, über menschliche Möglichkeiten nachdenken. Und nicht wenig staunen. Die nächste Bahn hielt.

In Gedanken versunken, stehend in der U83, wurde ich ganz plötzlich vom Tageslicht überrascht, als der Zug wieder die Oberfläche erreichte – umittelbar nach dem Kirchplatz. Ich überfuhr die Haltestelle Bilk S. Am Karolingerplatz drückte ich auf den Türöffner. Ich war zu Hause. Die Schienenraupe spülte mich raus. Die Welt oben hatte mich wieder. Die Türen schlossen sich. Abfahrt. Unter Gebimmel kam sie kurz darauf zum Stehen. Menschen standen vor ihrer Nase. Der ewige Kampf an der Oberfläche. Autos, Menschen, Äste, Räder. Ich blickte kurz zurück, lächelte und wandte mich nach rechts. Im Caffè Enuma konnte ich beim besten Kaffee der Gegend in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. Und ich freute mich darauf, die restlichen Bahnhöfe für mich zu entdecken, die alle von einem jeweils anderen Künstler gestaltet worden sind. Dann zog ich Block und Stift aus meiner Tasche und setzte an. Tinte leer. Ich kramte nach einem neuen Stift. In meiner übervollen Tasche, mit der ich noch heute das Land verlassen und überleben konnte, musste noch ein funktionierender Stift zu finden sein. Und so war das auch. Ich klickte den neuen Stift auf, atmete tief durch. Klang und Farbe unter Tage, begann ich.


Inspiriert durch ihren Vater, begann Feride Mehmetaj bereits in der fünften Klasse mit dem Schreiben von Gedichten, später dann von Kurzgeschichten. Ihr erstes Buch ist im Sommer 2015 beim Marianne-Leim-Verlag erschienen. Geboren 1982 auf der schwäbischen Alb, lebt, schreibt und arbeitet sie heute in ihrer Wahlheimatstadt Düsseldorf.


theycallitkleinparis-Serie über die Künstler der Düsseldorfer U-Bahnhöfe:

Folge 1: Thomas Stricker

Folge 2: Ursula Damm

Folge 3: Ralf Brög

 

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