Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Jeder Kunde ist eine Überraschung“ – Interview mit Ökkes Yildirim

Foto: Ökkes Yildirim /


Eins ist Ökkes Yildirim ganz sicher nicht: die personifizierte Servicementalität. Trotzdem betreibt er ein Büdchen. Das Büdchen. Seit 13 Jahren verkauft der Kurde in Oberbilk Bier, Zigaretten, Chips und vieles mehr. Ein Gespräch.

Ökkes, dein Sortiment ist ziemlich umfangreich. Es gibt Brötchen, Kaffee, Zeitungen, britische Chips, Marmelade, Jutebeutel, T-Shirts, Szenegetränke. Womit machst du eigentlich das Gros des Umsatzes?
Mit Getränken und Zigaretten. Die machen ungefähr 60 bis 70 Prozent des Umsatzes aus.

Und ist es bei den Getränken in erster Linie Alkohol, den du verkaufst?
Nein, das kann man so nicht sagen. Getränke aller Art.

Welche Tageszeitung geht bei dir am besten?
Die Bild.

Ausgerechnet die Bild. Das ist dir doch sicher ein Dorn im Auge.
Ja, deshalb schmeiße ich sie auch demnächst raus.

Apropos Rausschmeißen. Zuletzt hast du dich auch von deinen drei Daddel-Automaten getrennt. Warum das nun wieder?
Ich hatte einen Daddel-Kunden, der jeden Tag kam. Der stand schon morgens am Automaten. Ein Mann um die 60. Irgendwann erzählte er mir, dass sich seine Frau von ihm trennen wolle. Nach über 30 Jahren Ehe. Dadurch, dass ich die Automaten in meinem Laden hatte, empfand ich eine Art Mitverantwortung. Das war der Punkt, an dem ich entschieden habe, die Automaten rauszuschmeißen.

Dadurch fehlen dir jetzt monatlich Einnahmen im dreistelligen Bereich. Wie willst du das kompensieren?
Mit den Ö-Produkten. Ö wie Ökkes.

Welche sind das?
Im Moment Kaffee und Bier.

Woher beziehst du die Produkte?
Das Bier beziehe ich von craft4you. Das sind Craftbier-Brauer, die auf der Remscheider Straße sitzen, also hier im Viertel. Der Kaffee kommt im Moment noch von Röstzeit. In Zukunft will ich allerdings auf einen anderen Lieferanten umsteigen. Der sitzt in Braunschweig und hat eine eigene Kaffeeplantage in Äthiopien. Das ist ja das Mutterland des Kaffees.

Wonach suchst du deine Quellen aus?
In erster Linie nach zwei Kriterien: Qualität und Nachhaltigkeit. Ich arbeite gerne mit Kleinunternehmern statt mit großen Herstellern. Zwischenmenschlich sollte es auch stimmen.

Eine Flasche Ö-Bier kostet 4,50 Euro. Ganz schön stolzer Preis.
Ja, das ist aber bei Craftbieren normal. Dazu kommt, dass von sämtlichen Ö-Produkten ein bestimmter Anteil an einen Verein geht, der sich um Kinder kümmert, die Opfer von Gewalt geworden sind.

Hast du vor, die Ö-Linie weiter auszubauen?
Ja. Im Laufe des Jahres soll ein Olivenöl aus der Toskana dazukommen, ein Bio-Rotwein und ein Schnaps vom Bodensee. Die Produkte würde ich langfristig gerne auch außerhalb meines Büdchens vertreiben. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Im Moment verkauft neben dem Büdchen schon mal die Ökologische Marktwirtschaft meinen Kaffee.

Wie bist du eigentlich zum Büdchen gekommen? Geboren wurdest du ja in der Türkei.
Ja, in den Bergen. Meine Familie ist kurdisch. Als mein Vater angeschossen wurde und unsere Felder verbrannt, mussten wir flüchten. Eine Schleuserbande hat uns nach Deutschland gebracht, nach Düsseldorf. Das war 1989, im Jahr der Wende. Später hat mein Bruder dann einen Kiosk an der Hüttenstraße betrieben, dort habe ich auch gearbeitet.

Und seit wann bist du in Oberbilk?
Seit 2003, also schon 13 Jahre. Vorher hatte ich eine Maurer-Lehre gemacht. Wegen eines Kahnbeinbruchs konnte ich den Beruf allerdings nicht mehr ausüben. Ich habe heute noch Metall in der Hand.

Wie würdest du deine Kundschaft beschreiben?
Jeder Kunde ist eine Überraschung. Der eine will nur quatschen, der andere motzt mich an, weil seine Zigarettenmarke aus ist. Einer will weiche Brötchen, der nächste harte. Und noch ein anderer will anschreiben lassen. Als Büdchen-Betreiber bist du eine Art Sozialarbeiter, nur schlechter bezahlt.

Du verstehst dich selber ja ohnehin eher als Künstler, denn als Büdchenmann. An der Kioskwand hängen Bilder von dir, die man zum Teil auch käuflich erwerben kann. Zudem hast du in den vergangenen Jahren mehrere Kunstaktionen auf der Flügelstraße gemacht. Du hast Gitarren in die Bäume gehängt. Später dann Hampelmänner und Stühle. Ist diesbezüglich für die Zukunft wieder was geplant?
Nein. Das hat zwei Gründe. Zum einen habe ich kein Geld für weitere Aktionen. Das, was ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, hat mich insgesamt ungefähr 40.000 Euro gekostet. Dazu kommt, dass die Stadt Düsseldorf mir einen Drohbrief geschrieben hat.

Und was stand drin?
Dass ich nichts mehr in die Bäume hängen darf.

Dann wirst du dich in Zukunft also eher wieder auf dein Kerngeschäft konzentrieren. Dazu hätte ich noch eine letzte Frage. Wie kommt man als dein Kunde eigentlich zu dem Privileg, sich hier selber Kaffee machen zu dürfen?
Man muss einfach nur man selbst sein.

Ökkes, danke fürs Gespräch. Warum haben wir uns eigentlich nie so nett unterhalten, als ich noch gegenüber von deinem Büdchen gewohnt habe?
Weil du so arrogant warst.

Ich war nicht arrogant. Ich hatte einfach Angst vor dir. Du wirktest so unberechenbar.

Das Büdchen, Linienstr. 108, Düsseldorf

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