Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kornelius Heidebrecht (subbotnik) im Interview – „Wir sammeln Geräusche“

Foto: Annette Jonak

Sie möchten den Dialog mit dem öffentlichen Raum suchen, eine Symphonie des Alltags erzeugen. Das jedenfalls ist der Plan der Theatermacher von subbotnik. Seit 2012 entwickeln Kornelius Heidebrecht, Martin Kloepfer und Oleg Zhukov eine ganz eigene Bühnensprache aus Vokal- und Instrumentalkompositionen, Erzählung und Live-Performance. Am vergangenen Samstag hatte ihre aktuelle Produktion am FFT Juta Premiere: „Wenn ich was hören will, muss ich auf’s Dach“. theycallitkleinparis hatte kurz vor den Folgeaufführungen Gelegenheit, mit Kornelius Heidebrecht von subbotnik zu sprechen.

Welches Geräusch war das erste, das du heute Morgen wahrgenommen hast?
Das erste, was ich hörte, war der Wecker: Es ist 6:45 Uhr, Zeit aufzustehen!

Ich habe gerade überlegt, welches mein Lieblingsgeräusch ist und bin auf das Folgende gekommen: Eine Ente trinkt Wasser, beispielsweise aus einer Pfütze. Das klingt total zauberhaft. Welches ist dein Lieblingsgeräusch?
Ein echtes Lieblingsgeräusch habe ich nicht. Es gibt aber Geräusche, die sehr lange im Gedächtnis bleiben. Zum Beispiel hatte ich letztens einen Unfall und wurde an der Nase verletzt. Es war kein Bruch, aber es hat im ganzen Schädel geknarzt. Das höre ich immer noch. Kurzes Geräusch, aber anhaltende Wirkung!

Für eure neue Produktion „Wenn ich was hören will, muss ich aufs Dach“ habt ihr O-Töne im Alltag gesammelt. Was für Geräusche erwarten die Zuschauer?
Die meisten O-Töne sind auf dem Weg zur Arbeit und zurück entstanden. Daher sind es oft keine spektakulären Geräusche. Ein Mann in der Bahn, der seiner Frau genervt erklärt, wie sie den Bahnhof verlassen soll, bevor er sie anschließend zusammenfaltet wie ein sechsjähriges Mädchen, weil sie mit falscher Kreditkarte bezahlt hat. Eine Diskussion von Köln bis Düsseldorf als Arie der Wut, mit einem sich unablässig wiederholenden Refrain. Zwei Junkies am Bahnhof, die bei der Drogenausgabestelle über Zigarettenmarken philosophieren. Oder mein Freund, der mir mit seiner Frau ein norwegisches Lied am Küchentisch vorsingt. Ich sammle all diese kleinen und großen Geschichten und bin fasziniert von den Fragmenten meiner Umgebung und ihren Abdrücken in meinem Aufnahmegerät.

Wie, wo und über welchen Zeitraum habt ihr die Sounds aufgenommen? Wie darf man sich diesen Prozess vorstellen?
Wir sammeln schon seit Jahren Geräusche unterschiedlicher Art. Manche sind Atmosphären aus Natur oder Stadt, manche sind Gespräche oder vorbeifahrende Züge. Du läufst beispielsweise durch die Altstadt und kannst alles aufnehmen: Musiker, Prediger und so weiter. Es ist eher die Frage, was einen künstlerisch interessiert.

Das klingt alles zunächst mal nach einer Sound-Installation. Was macht aus dem Abend einen Theater-Abend? Was werden die Zuschauer sehen? Was werdet ihr drei auf der Bühne machen?
Es ist eine Art Theaterabend, vielleicht auch ein Konzert aus den gesammelten Geschichten. Wir sind mit dem genialen Kontrabassisten Nico Brandenburg zu viert auf der Bühne, machen viel Musik auf verschiedensten Instrumenten, singen, und erzählen. Wir jonglieren sogar.

Ihr bezeichnet das, was die Leute zu hören bekommen, als „ergreifende Sinfonie des Alltags“. Keine Angst, dass die Leute, gerade die, die in der Stadt leben, schon genug Geräusch bekommen haben und abends lieber ihre Ruhe möchten?
Gerade deswegen sollen die Leute kommen, um die Sinfonie zu verarbeiten.

27.+28.4., jeweils 20 Uhr, FFT Juta, Düsseldorf

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