Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Musikkultur, die nicht aus kommerziellen Erwägungen heraus entsteht“ – Interview mit Hauke Schmidt

Am 9. April startet die mittlerweile dritte MicroPopWeek in Düsseldorf. Innerhalb von nur einer Woche kann man 40 Bands an 20 Orten in der Stadt erleben. Dabei organisiert jede Location ihre Veranstaltung/en völlig unabhängig. So ist das Ganze also die Summe der einzelnen Teile, das, was die Leute draus machen. theycallitkleinparis hat mit Hauke Schmidt, einem der Initiatoren der MicroPopWeek, gesprochen.

Welche Idee liegt dem Ganzen zugrunde?
Wir wollen etwas an die Oberfläche befördern, was für viele Leute eher im Verborgenen stattfindet: Eine Musikkultur, die einfach nur sie selbst ist. Wo Leute mit jeder Menge Herzblut Musik machen und veröffentlichen, sie veranstalten und darüber schreiben, ohne über Zielgruppen oder Verwertungsketten nachzudenken. Musik als Ausdruck einer Lebensweise quasi. Daher kommt Musik ja eigentlich und das lieben wir an ihr. Dass wir dann über „Micro“-Pop reden ergibt sich fast von selbst. Um heutzutage frei von finanziellen Zwängen zu sein, muss man die Dinge solange verkleinern, bis sie sich entweder wieder selbst tragen können oder aus privaten Mitteln realisierbar sind. Das Budget der MicroPopWeek besteht aus dem, was die einzelnen Akteure beitragen. Jeder ist für seinen Abend selbst verantwortlich. Das macht das Risiko für jeden überschaubar. Und das Ergebnis ist trotzdem sehr attraktiv, denn es ist vielfältig und von hoher künstlerischer Qualität. Diese Idee ist natürlich überhaupt nicht neu. Kassettenlabels und Fanzines haben spätestens seit den 70ern ihren Platz in der Musikwelt. Heute sind daraus vielleicht Bandcamp-Seiten und Blogs geworden. Aber die Idee ist nach wie vor die gleiche: wirtschaftliche Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit.

Der Untertitel lautet „Festival für Originalmusik“. Was meint Originalmusik in dem Zusammenhang?
Mit dem Begriff Originalmusik kann man recht unterschiedliche Dinge assoziieren. Das finden wir schon mal grundsätzlich gut. Für mich steht er für das Unverfälschte in der DIY-Kultur. Wenn jemand seine eigene Musik in einer Auflage von 100 Tapes selbst veröffentlicht, kann man davon ausgehen, dass Überlegungen zur Marktkompatibilität in seinem Schaffensprozess keine allzu große Rolle spielen. Das Ergebnis ist der Ausdruck seiner künstlerischen Ideen und Fähigkeiten quasi im Originalzustand.

Wer sind die Initiatoren?
Die Initiatoren sind ursprünglich Markus Berg von der Initiative Lama Musik, damenundherren e. V. und ich. Da das damenundherren inzwischen leider keine Musikveranstaltungen mehr durchführen kann, ist es dieses Jahr erstmalig nicht aktiv dabei. Aber es gibt viele, die sich sehr intensiv ehrenamtlich einbringen. Nils von Stencil Trash etwa macht alle Artworks, das Weltkunstzimmer lässt uns den Abschlusstag in seinen Räumlichkeiten durchführen und Tobias von der Kassette kümmert sich auch um mehr als nur um „seinen“ Abend. Andere Veranstalter wie Rikk von Racoon Records oder Andre Janßen veranstalten ebenfalls mehrere Abende. Die Woche liegt also auf vielen Schultern. Anders ginge es auch gar nicht.

Beteiligt sind 20 Veranstalter, die jeweils einen oder mehrere Abende gestalten. Wie schwierig ist es, unter diesen Umständen eine programmatische Linie zu entwickeln?
Die programmatische Linie ist eigentlich sehr einfach. Es geht um Musikkultur, die nicht aus kommerziellen Erwägungen heraus entsteht. Es kommt uns also eigentlich mehr darauf an, wie jemand etwas macht und weniger, welchem Genre man den Abend zuordnen könnte. Deshalb findet man im Programm der MicroPopWeek eine große Bandbreite an Stilen. Wer einen Abend im Rahmen der MicroPopWeek veranstalten möchte, muss bestimmte Grundregeln akzeptieren. Dass wir keine Plattform für Sponsoren sind zum Beispiel und das die Künstler fair behandelt werden sollten. Inhaltlich geben wir nur vor, dass jegliche menschenverachtenden, rassistischen, sexistischen und anderweitig inakzeptablen Inhalte auf der MicroPopWeek nichts zu suchen haben.

Wie genau sieht denn eine faire Behandlung der Künstler aus? Und: Ist die ansonsten in dem Business nicht üblich?
Wer schon mal selbst als relativ unbekannter Musiker unterwegs war, weiß, dass bei vielen Veranstaltern Live-Musik als günstige beziehungsweise kostenlose Abenduntermalung eher nebenher läuft. Dann geht es eher darum, sich als Live-Club darzustellen und ein paar Image- oder Sympathiepunkte bei der Kundschaft abzugreifen und damit vielleicht ein bisschen Presse zu bekommen. Ein Musiker auf Tour ist aber auf einen engagierten Veranstalter angewiesen. Das fängt bei einer dem Künstler angemessenen Ankündigung des Abends an, geht bei Verpflegung und Unterkunft weiter und endet bei der Frage, welche Chance auf eine Einnahme dem Künstler geboten wird. Wenn dann etwa das heute weit verbreitete Prinzip der Hutspende gewählt wird, sollte der Veranstalter sich zum Beispiel auch dafür verantwortlich fühlen, dass diese den Gästen kommuniziert wird. Während manche, gerade private Veranstalter das zum Beispiel bei Wohnzimmerkonzerten mit jeder Menge Hingabe tun, findet man anderswo leider oft eine eher lieblose Einstellung vor.

Die MicroPopWeek endet am 16. April mit einer Convention im Weltkunstzimmer. Welche Themen stehen dort auf der Agenda?
Die MicroPopConvention ist ein Versuch. Sie ist in erster Linie als Zusammentreffen aktiver und interessierter Menschen gedacht. Unsere Workshops erklären Grundlagen wie zum Beispiel: ‚Worauf muss ich achten, wenn ich ein Wohnzimmerkonzert veranstalten möchte?‘ ‚Wie eröffne ich ein DIY-Label?‘ Aber auch selbstproduzierende Musiker sind mit einem Workshop zum Thema Heimproduktion und einem DIY-Mikrofonbauworkshop angesprochen. Die Mikros bestehen allerdings aus recycelten Konservendosen! Außerdem möchten wir, dass sich die Szene besser vernetzt. Deshalb steht Austausch und Diskussion weit vorne. An unserem Talk zum Thema „Musikjournalismus“ nehmen Blogger und Fanzinemacher, aber auch Leute von klassischen Musikmedien teil. Wir freuen uns, dass Klaus Fiehe dabei sein wird, der bei 1Live seit langer Zeit die Fahne alternativer Künstler im Formatradio hochhält.

40 Bands innerhalb einer Woche, das kann man in Düsseldorf sonst nicht erleben, dafür ist die hiesige Live-Szene einfach zu schwach auf der Brust. Was könnte man deines Erachtens nach tun, um sie zu stärken?
Grundsätzlich glaube ich, man kann in Düsseldorf jede Woche eine Menge Bands erleben. Veranstalter wie die Brause, Lama Musik, die Kassette, der Pitcher, der Salon des Amateurs, das Weltkunstzimmer, das zakk, das The Tube, das Cube oder Rainking, um nur einige zu nennen, machen ja das ganze Jahr über Programm. Mit der MicroPopWeek richten wir nur einen Schweinwerfer darauf. Die Bündelung unter einem gemeinsamen Namen sorgt für eine Aufmerksamkeit, die den Akteuren im normalen Tagesgeschäft oft verwehrt bleibt. Ansonsten ist das für mich eine Frage des persönlichen Engagements möglichst vieler einzelner Personen. So was kann man nicht gut von oben steuern. Es wird dann mehr passieren, wenn sich noch mehr Leute dafür ehrlich begeistern. Sei es, dass sie Konzerte in ihrem Wohnzimmer oder ihrer Garage veranstalten, oder dass mehr Leute zu den Abenden hingehen und anderen davon erzählen oder Bands selbst aktiv werden. DIY bedeutet, die Dinge in die Hand zu nehmen, dann passiert auch was. Wenn wir nach der MicroPopWeek fünf neue private DIY-Konzertveranstalter in Düsseldorf haben, hat sich schon was bewegt.

Du selber organisierst unter anderem den Abend „Polish Roulette“ in der Christuskirche. Wie ist deine Beziehung zu Polen bzw. wie kam es zu dem Länder-Schwerpunkt?
Ich habe tatsächlich eine private Beziehung zu Polen, weil meine Freundin daher kommt und wir zeitweise zwischen der Gdynia an der Ostsee und Düsseldorf pendeln. Die Idee für den Abend kam aber, weil ich Tomek Wozniakowski kennengelernt habe, der hier in Düsseldorf lebt und mit seinem Projekt RICHTIG POLEN! polnische Musik von Vinyl auflegt. Da mir in Polen auch immer wieder spannende Musiker begegnen und die polnische Alternativkultur gerade keinen so leichten Stand in Polen hat, lag die Idee irgendwie auf der Hand. Das Ganze ist wie die Convention ein Experiment. Wenn die Leute Lust drauf haben, werden wir bestimmt in Zukunft auch andere Länderabende in die MicroPopWeek einbauen.

Von dem polnischen Abend mal abgesehen: Welches MicroPopWeek-Konzert wirst du dir auf jeden Fall anschauen?
Ich veranstalte auch noch mein traditionelles Hofkonzert am Dienstag, dieses Jahr mit Apache Blanket aus Berlin, meinen alten Freunden von Subterfuge und dem taiwanesisch-polnischen Duo Yellowbrenda. Kitty Solaris musste leider kurzfristig absagen. Und für den Abschlusstag bin auch verantwortlich. Diese beiden Abende sind also ebenfalls schon mal geblockt. Außerdem freue ich mich sehr auf den SicSic-Tapes-Abend in Unterrath am Freitag, die Feedback Gents und Killer im Salon und Cosmono im reinraum. Was ich dazwischen noch schaffe, muss ich mal schauen. Man muss mit seinen Kräften ja auch etwas haushalten.

Abschlussfrage: Das Credo der MicroPopWeek lautet „think micro“. Ist klein das neue groß?
Nein, das denke und hoffe ich nicht. Wenn etwas „das neue irgendwas“ ist, ist es ja meistens auch schnell wieder vergessen. „think micro“ ist für mich eine dauerhafte Idee, die bisher sämtliche Hypes überlebt hat und dies auch in Zukunft tun wird.

Das komplette Programm gibt es hier.

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