Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Die Akademie ist fast wie Zuhause“ – Interview mit Stefan Kürten

Foto: privat

Am Mittwoch startet an der Kunstakademie Düsseldorf der Rundgang. Dann wird der Öffentlichkeit präsentiert, was das Jahr über in den zahlreichen Klassen entstanden ist. Ein Großereignis für Studenten wie Professoren. Aber was passiert eigentlich in den letzten Tagen, bevor sich die Pforten der Akademie für Besucher öffnen? Wie groß ist die nervliche Anspannung? Und wer entscheidet, welches Werk wo hängt? theycallitkleinparis hat nachgefragt. Bei Stefan Kürten. Der Düsseldorfer Maler ist seit 2014 Professor an der Eiskellerstraße.

Der Rundgang steht kurz bevor. Wie viele Stunden verbringst du dieser Tage mit Vorbereitungen?
Viele. Gerade in der letzten Woche vor dem Rundgang gibt es wahnsinnig viel zu tun. Die Wände der Klassenräume müssen gestrichen werden, es wird geputzt, aufgeräumt. Dann besprechen und testen wir tagelang die Präsentation der Arbeiten. Darüber hinaus bin ich natürlich auch als Seelsorger und Berater gefragt. Die Studenten sind in dieser Phase verständlicherweise nervlich etwas angespannt. Das war bei mir früher genauso.

Du bist 52. Vor 30 Jahren hast du selber an der Kunstakademie studiert. Ist es nicht vom Gefühl her komisch, heute als Lehrender dort zu sein?
Dachte ich zuerst auch. Ist aber gar nicht so. Ich kenne das Haus mit all seinen Möglichkeiten einfach sehr gut. An anderen Akademien, an denen ich gelehrt habe, wie zum Beispiel am Art Institute San Francisco, musste ich mich erst eine Zeit lang einfinden. Die Düsseldorfer Akademie ist dagegen fast wie Zuhause. Viele der Fragen, mit denen ich konfrontiert werde, haben mich als Student hier auch beschäftigt.

Wie viele Studenten sind in deiner Klasse?
25. Das ist eine mittlere Größe. Es gibt kleinere Klassen, aber auch wesentlich größere.

Ist es eine reine Malerei-Klasse?
Offiziell schon. Es gibt allerdings auch Studenten, die Skulpturen oder Installationen bauen, Filme machen oder fotografieren. Aber das kann sich ja jederzeit ändern. Wer heute Skulpturen baut, malt vielleicht morgen schon. Meine eigene Malerei ist zum Beispiel auch stark von der Fotografie beeinflusst.

Ist es für einen Künstler wichtig, über den eigenen Tellerrand zu schauen?
Auf jeden Fall. Deshalb habe ich meine Studenten zum Beispiel gerade ins Tonstudio geschickt. Die sollten mal in einer anderen Disziplin was machen. Die 13 Beiträge, die dabei entstanden sind, gibt es nun auf einer CD. Dreiviertel der Leute, die mitgemacht haben, verfügten über keinerlei musikalische Erfahrung. Herausgekommen ist eine wilde Mischung aus Soundcollagen, elektronischer Musik, Death Metal, Rock und Gesprochenem. Im besten Fall lernen die Studenten durch so einen Prozess, nach geeigneten Wegen und Möglichkeiten zu suchen, eine Idee zu verwirklichen. Sie verlieren den Tunnelblick, bekommen neue Impulse für ihre eigentliche Arbeit.

Bleibt neben der lehrenden Tätigkeit noch genug Zeit für deine eigene künstlerische Arbeit?
Durchaus. Ich bin Frühaufsteher. Oft bin ich schon um 8 Uhr in meinem Atelier in Flingern. Morgens habe ich einen sehr klaren Blick auf die Dinge, das ist für mich die beste Zeit zum Arbeiten. Nachts treffe ich die falschen Entscheidungen. Beispiel: Ich überlege, ob ich den Himmel auf einem Bild vielleicht lila malen sollte. Das probiere ich dann aus und sehe, das es nicht funktioniert. Dann muss ich zeitlich die Möglichkeit haben, es noch am gleichen Arbeitstag zu korrigieren. Das geht nachts nicht, weil der Prozess dann zu lange dauern würde. Daher treffe ich nach 14 Uhr keine schwerwiegenden Entscheidungen mehr.

Stehen bei dir in nächster Zeit Ausstellungen an?
Ja, ich habe im Februar eine Ausstellung in New York. In meinem Atelier stehen schon die Arbeiten, die bald in die USA transportiert werden.

Zurück zum Rundgang: Werden von jedem deiner Studenten Arbeiten zu sehen sein?
Ja. Einer meiner Grundsätze ist: Jeder darf ausstellen. Und zwar im Raum, nicht im Flur.

Wer entscheidet, welche Arbeiten gezeigt werden und was wo hängt?
Jeder Einzelne kann vorschlagen, was er zeigen möchte. Wichtig dabei: Ich habe ein Vetorecht. Davon musste ich allerdings bisher noch keinen Gebrauch machen. Welche Arbeit wo platziert wird, das diskutieren wir dann gemeinsam in der Gruppe. Diese Diskussion empfinde ich als sehr fruchtbar. Das ist der Teil, wo alle sehr viel lernen können. Auch ich. Wir gruppieren die Bilder immer wieder neu, schauen uns sämtliche Möglichkeiten an und kommen dann gemeinsam zu einem Ergebnis. Natürlich gibt es von Seiten der Studenten Vorlieben und Wünsche und wenn es geht, versuchen wir gemeinsam, diese zu berücksichtigen.

Du hast es schon kurz erwähnt: Neben den Klassenräumen gibt es ja auch noch die Möglichkeit, auf dem Flur zu hängen.
Der Flur ist unter Studenten belastet – so nach dem Motto ‚Wer nicht gut genug für die Klasse ist, kommt auf den Flur‘. Eine Arbeit aus meiner Klasse hängt in diesem Jahr aber tatsächlich dort – allerdings nur, weil sie für den Klassenraum zu riesig ist.

Das Interesse am Rundgang hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Kommt eine derart große Öffentlichkeit, mehrere zehntausend Besucher, für manch einen zu früh?
Nein, das glaube ich nicht. Man darf den Rundgang halt nicht überbewerten. Wichtig ist, dass man als Student frei ist von kommerziellen Zwängen. Es gibt aber natürlich einen Raumplan, mit dessen Hilfe Besucher die einzelnen Arbeiten den jeweiligen Studenten zuordnen können. Und eine Klassenliste mit einigen Mail-Adressen. Ein Besucher, der an einer Arbeit Interesse hat, könnte also Kontakt aufnehmen. Das ist aber nicht der Sinn und Zweck des Rundgangs.

Was ist dir bei der Lehre besonders wichtig, was möchtest du an deine Studenten weitergeben?
Ich versuche, den Studenten zu vermitteln, dass die Akademie einen unglaublichen Freiraum bietet, in dem man Dinge ausprobieren kann, ohne Erwartungen, zum Beispiel der Kunstwelt, bedienen zu müssen. Im besten Fall fühlt man sich in der Phase des Studiums an der Akademie wie in einem Paralleluniversum – und genießt das auch. So hat mir das mein Professor, Michael Buthe, vor vielen Jahren auch vermittelt.

Wie hast du deine eigene Akademiezeit erlebt?
Ich hatte keine Erwartungen an die Zeit nach dem Studium. Null. Ich habe mich einfach hineinbegeben, in dem festen Glauben, dass ich Zeit meines Lebens nie viel Geld haben würde. Das war mir aber auch nicht wichtig. Ich wollte einfach Kunst machen. Wenn man glaubt, in der Kunst Karriere machen zu können, sollte man besser keine Kunst machen.

Du hast es schon erwähnt, dass du auch in den USA gelehrt hast. Welche Bedingungen finden die Studenten dort vor?
Es ist ganz anders als in Deutschland. Das Studium ist kostenpflichtig. Ein Fulltime-Studium am San Francisco Art Institute kostet zum Beispiel zwischen 12.000 und 15.000 Dollar – pro Semester. Das können sich natürlich nur wenige leisten. Die anderen bekommen direkt über das Institute automatisch einen Kredit von einer Bank. Nach Abschluss des Studiums stehen sie dann mit einem Berg von Schulden da. Das erhöht den Druck, erfolgreich zu sein, ungemein.

Laufen die Studenten dann nicht Gefahr, ihre Kunst nach dem Bedarf am Markt auszurichten?
Das Risiko ist natürlich da. Mit dem Bedarf ist es allerdings so eine Sache. Der ist ja ständig in Veränderung. In dem Moment, wo du dich also danach ausrichtest, ist er im Zweifelsfall schon nicht mehr da. Avantgarde ist unabhängig von Bedarf.

Mal ab von der bildenden Kunst: Was macht eigentlich deine Band Elena Farr?
Die Band gibt es noch, wir sind allerdings im Moment nicht aktiv. Zwei meiner Bandkollegen haben mich aber gerade bei dem CD-Projekt mit meinen Studenten musikalisch unterstützt.

Rundgang 2016: 25.-31.1. Kunstakademie, Eiskellerstr. 1, Düsseldorf, Mi-Fr 9-20 Uhr, Sa & So 10-20 Uhr

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