Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

„Der Jesus-Kitsch nervt mich“ – Interview mit Pfarrer Lars Schütt

Lars Schütt bei der Pecha Kucha Night in der Christuskirche


Die Einladung zur Christvesper könnte auch für die Wiederauflage der Love Parade werben. Sie zeigt Lars Schütt mit herausgestreckter, blau eingefärbter Zunge. Auch davon abgesehen entspricht der 37-Jährige kaum dem gängigen Bild eines Pfarrers. Schütt hat in „seinem“ Gotteshaus eine Lounge eingerichtet und den Altarraum mit Tape Art gestalten lassen. In der heiligen Nacht legt zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens ein DJ auf. theycallitkleinparis hat kurz vor Weihnachten mit dem unkonventionellen Gottesmann gesprochen.

Sie wirken seit 2013 in der Christuskirche. Was hat sich in der Gemeinde seitdem verändert?
Das kann ich natürlich nur subjektiv beantworten. Ich nehme wahr, dass die Menschen mittleren Alters, die in Oberbilk stark vertreten sind, nun auch mehr in der Kirchengemeinde vorkommen – nicht nur bei den Kuturveranstaltungen, auch in den regulären Gottesdiensten. Es gibt eine Aufgeschlossenheit der Gemeinde, sich zu öffnen und sogar ein wenig zu experimentieren.

Wie erleben Sie den Stadtteil Oberbilk?
Ich kenne Düsseldorf von Kindheit an, Oberbilk war für mich immer wie ein Bermudadreieck. Von Anfang an fand ich es super hier. Es ist so vielfältig und bunt, ich mag den Volksgarten und gehe gerne auf der „Kö“, der Kölner Straße, flanieren. Ich mag es, wenn man das echte Leben, die harte Realität sehen kann und sie nicht hinter Marmor und Chanel verblendet wird.

In dem Viertel leben auch zahlreiche Muslime. Versucht Ihre Gemeinde mit ihnen in Kontakt zu treten?
Wir als Gemeinde tun das nicht aktiv. Die Umbrüche in den Gemeinden, das Schrumpfen, die Fusionen und die daraus resultierenden Umstrukturierungen, nehmen leider die Luft für so etwas. Wir haben ja nicht einmal eine lebendige Beziehung zu den Katholiken oder der jüdischen Gemeinde, was ich sehr bedaure und langfristig gerne ändern würde.

Nun steht Weihnachten vor der Tür. Hochsaison für die Kirchen. Wie viele Arbeitsstunden hat Ihr Heiligabend?
Sehr schwer zu beziffern. Es sind viele Kleinigkeiten, die erledigt werden müssen. Meine Kollegin organisiert zum Beispiel eine Feier für Alleinstehende zwischen zwei Gottesdiensten. Dafür ist total viel vorzubereiten. Ich kümmere mich nebenher um die Projektionen für die Schul- und Heiligabendgottesdienste und die Technik für die „Ruhe nach dem Sturm“.

Wie viele Gottesdienste halten Sie am 24., 25. und 26.?
An Heiligabend zwei plus die Offene Tür von 0 bis 3 Uhr. Am 25. und 26. sind die Kollegen und Kolleginnen dran. Da kann ich auch mal auf die andere Seite vom Tresen.

Sie haben es schon erwähnt: An Heiligabend ist die Kirche von Mitternacht bis 3 Uhr morgens geöffnet. Was erwartet die Gäste vor Ort?
Eine Kirche, die nur mit Kerzen beleuchtet ist. Es wird nicht geredet, es gibt keinen Anfang, kein Ende, kein Programm. Nur Haru Specks legt Vinylplatten auf und sorgt so für einen meditativen, nachdenklichen, berührenden und beruhigenden Sound. Wer möchte, kann eine Kerze anzünden, etwas ins Fürbittenbuch schreiben und so lange oder kurz bleiben wie er/sie will.

Sie schreiben auf Facebook, es falle Ihnen jedes Jahr schwerer, an Heiligabend zu predigen. Warum?
In erster Linie, weil mir Weihnachten theologisch kaum etwas bedeutet. Für mich ist Jesus nicht der Messias, der König, der Heiland, dessen Geburt meine Quasi-Rettung darstellt. Die Bedeutung von Jesus für mein Leben besteht in der Inspiration, wie er die Beziehung zu Gott als Lebensaufgabe verstanden und gelebt hat. Es ist völlig in Ordnung, wenn Christen Jesus als Sohn Gottes und Heiland verstehen. Meines Erachtens ist das eine Interpretation bereits der ersten Christen, aber letztlich sind Worte und Konzepte hier nur Schall und Rauch. Was mich aber wirklich nervt, ist der Jesus-Kitsch, der sich so hartnäckig hält und weit weg führt von dem, was wirklich wesentlich ist. Ich sag‘ nur „holder Knabe mit lockigem Haar“…

Wissen Sie trotzdem schon, worum sich Ihre Predigt drehen wird?
Ja. Um die Angst vor dem Islam und den absurden Wunsch, mit abendländischer Leitkultur und christlichen Werten dagegen zu halten. Dabei gibt es gar keine „christlichen“ Werte… ups! Und nun?!

Das Bild zur Christvesper am Heiligabend zeigt Sie mit herausgestreckter, blau eingefärbter Zunge. Was genau wollen Sie damit ausdrücken?
Nix, soll nur ein Hingucker sein.

Wann kommen Sie selber dazu, Weihnachten zu feiern?
Aus oben genannten Gründen lege ich keinen Wert darauf, Weihnachten zu feiern. Ich freue mich eher auf ein paar ruhige Tage bis Silvester.

Haben Sie trotzdem ein Lieblingsweihnachtslied?
Es gibt einige schöne alte Choräle. „Wie soll ich dich empfangen“, „Tochter Zion“ oder „Macht hoch die Tür“ zum Beispiel. Aber die meisten disqualifizieren sich für mich durch den Text.

Viele Menschen haben in diesem Jahr den Vorsatz, ganz oder großteils auf Geschenke zu verzichten.
Ja, zu denen gehöre ich auch. Ich habe mich in diesem Jahr erstmals komplett aus dem Geschenke-Karussel verabschiedet. Mir ist Freiheit, Freiwilligkeit und Spontaneität ein hohes Gut. Das war für mich immer weniger gegeben.

Mal weg von Weihnachten. In der Christuskirche finden seit einiger Zeit auch (Kultur-)Veranstaltungen statt. Wie kam es dazu?
Meine Kollegin hatte in der Passionszeit 2015 die Idee, „7 Wochen ohne Kirchenbänke“ zu machen. Das haben wir umgesetzt und in der Zeit der leeren beziehungsweise mit Stühlen möblierten Kirche entdeckt, was für ein Potenzial in diesem Raum steckt. Den Rest des Jahres haben wir experimentiert. Zum Reformationstag haben wir den Altarraum von einem Tape-Art-Künstler gestalten lassen. An diesem Tag erinnern wir uns an eine wichtige evangelische Haltung, nämlich das „protestantische Prinzip“. Das heißt, wir müssen alles immer wieder auf seine Sinnhaftigkeit und Glaubwürdigkeit hin überprüfen. Gesetze, Riten und Traditionen können ihren Sinn haben, tendieren aber dazu, sich zu verselbständigen. Die Tape Art im Altarraum sollte die gewohnte Symbolik und auch die dahinter stehende Christologie in Frage stellen und anregen, über sein eigenes Jesusverständnis und Gottesbild nachzudenken.

Was fanden davon abgesehen für Veranstaltungen statt?
Drei poetische Abendgottesdienste, verschiedene Lesungen, zwei Pecha-Kucha-Abende vom damenundherren e. V., eine Socialbar vom Gewächshaus Oberbilk, Haru Specks‘ Vinylpredigt, ein Konzert mit Klezmer-Musik und Derwisch-Tanz, Gospelkonzerte, ein klassisches Konzert für Orgel und noch mehr.

Wie ist die Resonanz darauf? Gibt es auch kritische Stimmen?
Ich höre viele positive Stimmen. Menschen, die aus guten Gründen der Kirche skeptisch und kritisch gegenüberstehen, nehmen wahr, dass eine Gemeinde nicht nur versucht, einen zeitgemäßen oder hippen Stil nachzumachen, sondern einen Raum eröffnet, in dem sich Authentisches, Anderes ereignen darf, ohne Mittel zum Zweck zu sein. Es gibt sehr wenige Menschen, die damit gar nichts anfangen können oder es sogar falsch finden, dass eine Kirche sich so öffnet. Konstruktiv fand ich eine Kritik, die darauf hinwies, dass Kulturveranstaltungen nicht nur reine Unterhaltung darstellen sollten. Wir wollen als Gemeinde nichts verkirchlichen, aber wir haben den Anspruch, dass Menschen im Raum der Kirche angeregt werden, sich mit existenziellen Fragen, Lebens- und Sinnfragen, Spiritualität, Politik und sozialem Miteinander beschäftigen.

Was ist für die nahe Zukunft diesbezüglich geplant?
Ein Programm für 2016 ist schon so gut wie fertig. Ich empfehle, der Seite facebook/christuskircheduesseldorf zu folgen oder auf der Website christuskirche-duesseldorf.de den Newsletter zu abonnieren. Da werden wir das Programm veröffentlichen. Es wird eine Veranstaltungsreihe entstehen, die im Moment den Arbeitstitel „OFF CHURCH“ trägt.

 

6 Responses to “„Der Jesus-Kitsch nervt mich“ – Interview mit Pfarrer Lars Schütt”

  1. Johannes Reinders

    Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird
    er ernten. Galater 6,7

    Antworten
  2. Andrea

    Ich kann dem Statement nicht zustimmen, dass es keine christlichen Werte gibt. Wo hat der Pfarrer das nur her? Vermutlich bei evangelisch.de aufgeschnappt???

    Antworten

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