Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Impressionen aus Oberbilk – „Isch hab‘ deine Mudda auf WhatsApp“

Kölner Straße in Oberbilk, Foto: Alexandra Wehrmann

Der Ortswechsel war eher unfreiwilliger Natur. Ein schlimmer Schimmelschaden verschlug Jasmin Schemann Anfang des Jahres nebst Mann und Tochter von Bilk nach Oberbilk. Ein Katzensprung, eigentlich. Dennoch ist das Milieu rund um den Oberbilker Markt, in dessen Nähe Schemann jetzt mit ihrer Familie lebt, unweit rauer als im vergleichsweise gentrifizierten Bilk. Daran musste sich die 39-Jährige erst einmal gewöhnen. Auf ihrer Facebook-Seite notiert Schemann regelmäßig Text-Miniaturen über ihre neue Heimat hinter dem Bahnhof, über Burka-Trägerinnen, unverhoffte Präsente von Clochards oder die Kölner Straße, die manch einen an die New Yorker Bronx erinnert. Ein Best-of.

#1: Besuch auf der Krachmacherstraße
Die Läden, dicht an dicht, sind eng und diversiv. Blinkend. Aber nicht so Arkadenglänzend. Der Oberbilker an sich ist etwas grummelig. Aber er sorgt sich um das Capri-Eis essende Kind ob der Temperaturen. Und er möchte einem permanent Plastiktütchen schenken. Götz Werners Laden fehlt. Dafür verkauft der Euroshop immer noch dem Anton Schlecker seine Polituren. Fremde Krachmacherstraße, wir sehen uns noch öfters.

#2: Im Schacht
Aggressiv mit dem Fuß vor sich her scharrende Menschen schreien die digitale Tafel der Minuten herunter tickenden Anzeige mit „Meeeeine Fressssse“ an. Es zieht im Schacht. Wie Hechtsuppe. Und es sieht ein bisschen so aus, als ob Momos graue Männer alles und jeden berührt haben. Die U-Bahn ist, trotz der Uhrzeit, viel voller als der schnuckelige Schnellbus, der mich einst jeden Morgen in meinen Gedanken nach Prag oder Paris brachte. Werstener Dorfstraße. Endlich oberirdisch. Momos Männer müssen drinnen bleiben. Im Schacht.

#3: U-Bahn-Gespräche
„Eeeeey, wir sind die schlimmste Klasse.“ „Neeein, wir sind die schlimmste Klasse.“ „Eyyy, bist du doof, Mann, wir sind die schlimmste Klasse.“

#4: Präsente
Als höflicher Mensch habe ich so oft mit dem Kind an der Hand nachgefragt, bis ich die Bierfunken sprühenden Worte verstanden habe. Kreide im Karton lehnte vor einer Laterne. Und die beiden Bankbewohner des Marktes schenkten sie uns. Für das Kind. Bunte Kreide am grauen Markt.

#5: Fragen an Fremde
Mavie, 4, lauthals zu zwei Burka tragenden Mädels in der U-Bahn am Oberbilker Markt: „Guck mal, die sehen aber komisch aus!“ Die beiden Mädels lachen sich kaputt, konstatieren mehrfach „süß“. „Mama, warum tragen die das?“ „Erklär‘ ich dir gleich. Oder du fragst, aber wir müssen jetzt aussteigen.“ Mavie (sonst eher schüchtern mit Fragen bei Fremden, anscheinend aber nicht bei vermummten Fremden) zu den Mädels: „Warum tragt ihr das?“ Das eine Mädel: „Wir finden das schön.“ (lachen, „süß“ skandierend). Auf der Rolltreppe erkläre ich Mavie den Unterschied zwischen verschiedenen Glauben, Religionen, und dass die Beiden die Burka gerne tragen. Mavies Fazit: „Wir tragen das nicht. Wir haben eine andere Qualifikation!“

#6: Morgengrauen
„Isch hab‘ deine Mudda auf WhatsApp!“ So langsam fange ich an, Oberbilk zu lieben.

Hier trifft man Jasmin Schemann in Oberbilk:
Bistro Carioca, Eisenstr. 102; KuPé, Bogenstr. 37; Kölner Straße; Lessingplatz

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS

*