Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Verena Meis im Interview – „Sprechen, diskutieren, vielleicht auch streiten“

Verena Meis, Foto: privat

Verena Meis ist derzeit auf vielen Baustellen unterwegs. Ihre Brötchen verdient die 33-Jährige als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Heinrich-Heine-Universität, Fachbereich Germanikstik. Mehr als nur nebenher bereichert sie zudem das kulturelle Leben der Stadt Düsseldorf, in der sie seit fast 10 Jahren lebt und arbeitet. Meis ist Mit-Organisatorin von Text, Ton, Applaus. Seit zwei Jahren betreibt sie den Theatersalon ausReihe3, der ein junges Publikum monatlich zu Theaterabenden ausführt. Und dann ist da noch ihr jüngstes Projekt, das sie gemeinsam mit Philipp Holstein (Rheinische Post) und dem Autor Dorian Steinhoff ersonnen hat. „Lesbar“ heißt das literarische Streitgespräch, das am 2.10. erstmals in der zakk-Kneipe über die Bühne geht.

Verena, gibt es in deinem Schlafzimmer einen Nachttisch?
Den gibt es, ein kleiner Nierentisch aus den 50ern, in dunklem Holz, auf dem nur meine Nachttischlampe und mein Wecker Platz haben. Deshalb befindet sich direkt daneben ein hoher Bücherstapel, dessen Spitze ich im Liegen nicht mehr erreichen kann.

Und welches Buch liegt da derzeit obenauf und wird von dir gelesen? Oder gehörst du gar zu jenen, die mehrere Bücher gleichzeitig lesen?
Die Spitze des Bücherstapels neben meinem Nachttisch bildet gerade Jenny Erpenbecks „GEHEN, GING, GEGANGEN“, das ich beginnen werde, wenn ich Giwi Margwelaschwilis „Fluchtästhetische Novelle“ ausgelesen habe. Beide Bücher werden Teil meines Seminarprogramms im Wintersemester an der Heinrich-Heine-Universität sein, das sich mit Grenzziehung und -verwischung, Okkupation und Flucht in Literatur und Theater von gestern bis heute beschäftigen wird. Paralleles Lesen versuche ich, so gut es geht, zu vermeiden. Es gelingt mir jedoch nur selten.

In maximal drei Sätzen: Worum geht es in „Fluchtästhetische Novelle“?
Das Buch handelt von Wakusch, einem jungen Nachkriegsgefangenen, der 1947 von Berlin-Schönefeld in die Sowjetunion entführt werden soll. Die Maschine will jedoch nicht abheben, der Start wird immer wieder verschoben. Es stellt sich heraus, dass Wakusch eine Buchfigur ist, die unter Leserschwund leidet, sodass gilt: ohne Leser keine Reise.

Generell gefragt: Was macht ein gutes Buch für dich aus?
Ein gutes Buch zieht mich in seinen Bann, fordert mich sprachlich und wirkt lange nach.

Und welcher ist der perfekte Platz zum Lesen?
Mein Sofa, mein Bett, ein luftiges Plätzchen am Rhein, aber auch sehr gern ein Café.

Nutzt du einen E-Reader?
Niemals! Die sind mir, was die Haptik angeht, zuwider.

Auf welchen Kanälen informierst du dich über Bücher?
Ich greife am liebsten zum Feuilleton der Zeitungen, lieber analog als digital. Die großen gängigen Tages- und Wochenzeitungen durchforste ich gerne im Café sitzend.

Ab dem 2.10. kommt eine neue Informationsquelle hinzu: „Lesbar“. Was genau erwartet die Zuschauer an dem Abend in der zakk-Kneipe?
Mein Mitstreiter Dorian Steinhoff hat es so formuliert: „Ein Bühnengespräch wie Tortenbacken: mixen, ein bisschen Dreck machen und am Ende irgendwie schön.“ Statt Torte werden wir uns bei „Lesbar“ gegenseitig Bücher schenken und drüber sprechen, diskutieren und vielleicht auch streiten.

Das Konzept erinnert ein bisschen an „Das Literarische Quartett“, eine Sendung, die vor 14 Jahren zum letzten Mal im Fernsehen lief. Damals warst du 19. Hast du die Sendung regelmäßig geschaut?
Das habe ich und vermisse seitdem das literarische Streitgespräch auf der Bühne.

Deine Lesbar-Mitstreiter Philipp Holstein und Dorian Steinhoff sind beide Autoren und haben bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Wie sieht es diesbezüglich bei dir aus?
Erst kürzlich erschien meine Doktorarbeit „Fäden im Kopf. Theatrales Erzählen in Thomas Bernhards Prosa“. Aufsätze zu Elfriede Jelinek, Falk Richter und Kraftwerk werden in Kürze folgen. Und mein aktuelles Forschungsthema dreht sich um Quallen, auch dazu habe ich vor, zu publizieren. Und, wer weiß, vielleicht ist neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch ein Theaterstück im Entstehen …

Zurück zu „Lesbar“. Zum Konzept gehört es, dass man sich gegenseitig Bücher schenkt. An wen hast du zuletzt ein Buch verschenkt, welches war es und wie kam es an?
Das waren gerade einige Exemplare meiner Doktorarbeit, die ich meiner Familie und meinen Freunden als Dank für ihre Unterstützung geschenkt habe. Auch wenn sie vielleicht nur meine Widmung lesen werden, kam mein Geschenk natürlich gut an.

Wo kaufst du deine Bücher?
Ungern online und liebend gern im Buchladen meines Vertrauens. Insbesondere, weil ich auf dem Weg zu meinen bestellten Büchern immer wieder über weitere interessante Exemplare in Auslage und Bücherregal stolpere.

Bei „Das literarische Quartett“ gab es zuletzt drei feste Mitglieder und einen jeweils wechselnden Gast. Bleibt ihr drei bei „Lesbar“ unter euch?
Bei unserem kommenden Termin ja, aber nicht grundsätzlich. Wir denken z. B. darüber nach, Schauspieler einzuladen, die zwischen unserem Gespräch Auszüge aus den besprochenen Büchern rezitieren. Denkbar wäre auch, junge Schreibtalente einzuladen und vorzustellen. Unser Format ist kein statisches Gebilde, es soll sich von Mal zu Mal wandeln.

In welchem Turnus soll „Lesbar“ laufen?
Bisher steht ein zweiter Abend am 2. Dezember fest. Wie es dann weitergeht, steht noch in den Sternen und werden wir zu dritt schleunigst verhandeln.

Verrätst du uns dein Buch des Jahres 2015?
Das erfährt man bei „Lesbar“.

Die größte literarische Enttäuschung 2015?
Ich war kurz vor Erscheinen Feuer und Flamme für Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, da ich auch Joris-Karl Huysmans liebe, über den Houellebecqs Protagonist sein Leben lang forscht. Ich hatte mir jedoch mehr erhofft.

2.10., 20 Uhr, zakk-Kneipe, Düsseldorf

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