Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Kein Ewigkeitsanspruch

„Betreten auf eigene Gefahr“ lautet der Hinweis, der in blau am Eingang des Gebäudes auf dem Trottoir prangt. Er ist wohl eher halbernst gemeint – und löst doch Ängste aus. „Meinst du, wir müssten eine Atemmaske tragen?“, fragt der Begleiter leicht besorgt. „Nicht nötig“, beruhige ich ihn, obwohl der Farbgeruch ebenso intensiv wie allgegenwärtig ist. Das 40 Grad Urban Art Festival hat begonnen und legt am Eröffnungsabend keinen Wert auf Vollständigkeit. Zentrum der zweiten Ausgabe des Festivals ist der Gustaf-Gründgens-Platz, jene zugige Fläche zwischen Dreischeibenhaus, Schauspielhaus und Schadowstraße, deren Erscheinungsbild sich in naher Zukunft drastisch verändern wird. Letzteres spielt den Festival-Machern um farbfieber-Chef Klaus Klinger in die Karten. Zwei bereits entmietete Bürogebäude wurden für rund 100 Street-Art-Künster von nah und fern zum Bemalen, Besprühen, Bekleben und Gestalten freigegeben. Die Hinweise auf die ehemaligen Mieter prangen noch an der Fassade. Arztpraxen sind ebenso verzogen wie Notare, die hier einst ihren Dienst versahen. Im verwinkelten Inneren sind dann noch erstaunlich viele Flächen weiß. Lediglich die Namen der Künstler lassen erkennen, dass hier bis Ende August (so lange dauert das Festival) noch etwas passieren wird. In Grüppchen stehen die Künstler herum, Beratungen laufen, Vorgespräche. Das Treppenhaus ist mit eben jenen Tags versehen, die die meisten als Schmiererei abtun würden. Sprühdosen allüberall. Farbeimer, dazu Pinsel und Rollen. Die Qualität der Werke ist, wie man es aus der Gattung kennt, sehr unterschiedlich. Manches ist abstrakt, anderes gegenständlich wie jene schwarz-weißen Frauenportraits, die an das Genre Graphic Novel gemahnen. In einem Raum wurden neben der Wand auch Teile des grauen Teppichs besprüht, sodass das Werk dreidimensional erscheint. Und dann sind da noch die Fenster, die meisten bereits blind, wurde doch die Hausfassade auch von außen bereits mit einem großen Bild versehen. Jene, die offenstehen, damit der Farbgeruch sich verflüchtigt, aber geben einen grandiosen Blick auf Schauspielhaus, Dreischeibenhaus und den neu gestalteten Boden des Gründgens-Platzes frei. Der wurde mit einem riesigen Mandala-artigen Bild versehen. Auch an dem wird noch gearbeitet. Ebenso an den benachbarten Mauern, über deren Abriss zuletzt so viel diskutiert wurde. Im ehemaligen Weingarten-Ladenlokal lockt ein temporäres Café, in dem täglich Veranstaltungen stattfinden sollen. Für den 25.8. hat sich Düsseldorfs omnipräsentes Stadtoberhaupt angekündigt: Thomas Geisel diskutiert ab 20:30 Uhr über zukünftige Stadtentwicklung. Das Thema macht gerade an dieser Stelle Sinn. Die neugestalteten Bürogebäude werden nämlich in naher Zukunft dem Großprojekt Kö-Bogen 2 weichen müssen. Die Street Art hat also keinen Ewigkeitsanspruch, wird vielmehr flüchtig bleiben. Aber das ist sie im öffentlichen Raum ja auch.

bis 30.8. 40 Grad Urban Art Festival, Düsseldorf; die ehemaligen Bürogebäude können täglich von 16 bis 21 Uhr besucht werden

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