Kein Chichi. Nur Düsseldorf.

Ortstermin im Oceans. Im Rausch der Primärreize

Schön von hinten, Foto: Alexandra Wehrmann

Als im November vergangenen Jahres in Düsseldorf-Rath das Oceans eröffnete, war über den „Club-Betrieb“ viel zu lesen. Das lag vor allem an jenem Mann, der in dem 4000-qm-Etablissement damals noch als Manager fungierte: Bert Wollersheim, ehemaliger Betreiber dreier Bordelle an der Rethelstraße, wurde von den eigentlichen Eigentümern als Frontmann auserkoren. Zehn Millionen sollen die, die im Hintergrund bleiben wollen, an der Oberhausener Straße investiert haben. Besagen Gerüchte. Fakt ist, dass Wollersheim mittlerweile bereits seinen Hut genommen hat. Geblieben sind bis zu 200 Damen, die den Besuchern die Zeit im Oceans versüßen sollen. Auch von der Kernkompetenz abgesehen ist das Angebot breit gefächert. Im Oceans kann man dinieren, saunieren, ins Kino gehen, Shisha rauchen, Grillware verzehren, Beachvolleyball spielen, Coyote-Ugly-Partys feiern oder Frauen an der Stange tanzen sehen. Es gibt einen kostenlosen Shuttle-Service, der die Gäste vom Hotel abholt. Und seit gestern Abend auch Kultur. Im Rahmen der Reihe „Culture Love“ sollen in Zukunft regelmäßig Kultur-Veranstaltungen in dem Bordell am Rande der A44 stattfinden.

Wie viele Damen dürfen‘s denn sein?

Vater der Idee ist Joe Brockerhoff. Und so lautete denn auch die wie ein Mantra wiederholte Frage des gestrigen Abends „Wo ist Joe?“. Das geht am Empfang schon los. Die freundliche Dame weiß von der eigens wegen der Kultur anberaumten Pressekonferenz, muss aber erst mal Joe holen. Der entpuppt sich als schmächtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit wirrem grauem Haar und floralem Hemd à la Jürgen von der Lippe. Früher war Joe mal Schüler von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Heute macht er Airbrush-Kunst, hat unter anderem die Wände des Oceans gestaltet und ist nun für den Kultur-Import ins Milieu verantwortlich. Was er mit den mittlerweile eingetroffenen Pressevertretern machen soll, scheint Joe nicht so recht zu wissen. Erstmal Fotos? Erstmal Fotos. In einem der Arbeitsräume? Gerne. Das sogenannte Spiegelzimmer, das beliebteste im ganzen Haus, ist leider gerade belegt. So dient ein kleiner Raum mit Leopardenmuster an den Wänden als Kulisse. Eine asiatische Angestellte streicht noch mal eben das Laken glatt und zupft die farbigen Kissen zurecht. Fehlen nur noch die Blickfänge. „Wollen Sie Damen fürs Foto?“ Die Fotografin der christlichen Tageszeitung ist skeptisch: „Höchstens eine.“ Andere äußern andere Wünsche. Autor Wolfgang Frings hat schon mal auf dem Bett Platz genommen, neben ihm mehrere Exemplare des Buchs, aus dem später noch gelesen werden soll. Manch einer versucht seine Unsicherheit mit schlüpfrigen Bemerkungen zu überspielen. „Der Joe organisiert die Mädels“, heißt es. So schnell werden aus Damen Mädels. Kurz darauf sind sie da. Vier an der Zahl, eine blond, eine brünett, zwei dunkelhaarig, überwiegend des Deutschen nicht mächtig. Sie platzieren sich rechts und links von den männlichen Kulturmachern, nehmen halb verlegen, halb lasziv Posen ein. Greifen sich in die Haare oder den Herren an die Schulter.

Hemmungslos

Diese vermeintliche Unsicherheit der Damen ist vielleicht das Überraschendste an einem Abend, der ohnehin viele Überraschungen birgt. Auch die, dass die Kunden – trotz der anwesenden Pressevertreter – keinerlei Hemmungen erkennen lassen. Mit nicht mehr als Bademantel und Schlappen angetan schlendern sie lässig durch den Bar-Bereich, lassen die Blicke schweifen über all das, was sie haben könnten. Für 65 Euro die halbe Stunde. Auf der Terrasse hinter dem Haus ist einer noch mutiger als die anderen. Wie Gott ihn schuf räkelt er sich auf einer Liege und gibt seinen Bierbauch der Abendsonne preis. Die Damen hocken derweil wie die Hühner auf der Stange auf Barhockern oder stöckeln – Beautycase am Handgelenk baumelnd – im Barbereich auf und ab. Auf den abenteuerlich hohen Absätzen machen viele eine eher unglückliche Figur. Man möchte ihnen Jorge González, den kubanischen Catwalk-Spezialisten aus der Klum-Show, zu einer Trainingseinheit vorbeischicken.

„Fragen Sie einfach nach Ela“

Nach so vielen Eindrücken brauchen wir erst mal was zu trinken. Das schwarze Bändchen am Handgelenk garantiert kostenlose Softdrinks. Ein Service, den weibliche Besucher hier jederzeit in Anspruch nehmen können. Frühstück, Mittagessen und der komplette Wellnessbereich sind ebenfalls umsonst. Das Gast-Schild am hauseigenen Bademantel klärt die Fronten. An der Bar machen wir die Bekanntschaft der Betriebsleiterin. Sie dürfte um die dreißig sein, hat ein hübsches Gesicht und würde mit ihren guten Umgangsformen, dem schwarzen Rock und der weißen Bluse auch problemlos als Sekretärin durchgehen. Stattdessen kümmert sie sich im Oceans um die Gäste, aber auch um die Damen. Viele von ihnen sind neu in Deutschland, stammen aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien, und sprechen noch kein deutsch. Die unterstützt sie dann auch jenseits des Arbeitsplatzes, zum Beispiel bei der Wohnungssuche. „Wenn ich sonst noch was für Sie tun kann, immer gerne“, sagt sie noch, „fragen Sie einfach nach Ela“. Dann ruft die Arbeit. Ein Gast, der lediglich ein Handtuch um die Hüften geschlungen hat, vermisst seine Brille. „What Color?“ fragt Ela. „Golden.“ No problem, die Sehhilfe ist bereits am Empfang abgegeben worden.

Offene Frage

Mittlerweile haben wir fast alles gesehen. Die Bar mit den Leder-Sofas, den beiden großen Disco-Kugeln, der Pole-Dancing-Stange und den Bildschirmen an der Wand, auf denen n-tv und N24 laufen (was aber niemanden kümmert). Die Zimmer, auf deren Decken Putten prangen. Oder Rosen. Den Wellness-Bereich mit Panorama-Sauna, Salz-Grotte, Massage-Räumen. Alles steht offen. Auch jener zunächst unauffällige Raum, in den man durch einen schmalen Zugang gleich hinter der Bar gelangt: das Porno-Kino. Als wir hineinlinsen, läuft auf der Leinwand gerade ein flotter Dreier, dem allerdings außer uns keine Zuschauer beiwohnen. Kurz darauf begibt sich ein Doppel aus Bademantel-Gast und maximal halb so alter Dame hinein. Eine Tür können sie nicht hinter sich schließen, er gibt nämlich keine. Ob es dennoch zum Äußersten kommt, ist eine der wenigen Fragen, die bei unserem Besuch ungeklärt blieben. Wir haben uns nicht getraut, nachzuschauen. Und der Kultur konnten wir leider nicht die volle Aufmerksamkeit widmen. Zu stark war die Ablenkung durch Primärreize. Aber die Reihe „Culture Love” hat ja gerade erst angefangen.

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